Montag, 16. Mai 2016

Tag 23: Murks, Murks, Murks!

Tag 23/28: Mittwoch, 11.05.2016
Kwidzyn nach Prabuty (Bahnhof)
6,5 h / 27 km 

Bis zu dem Moment, in dem ich den Schlüssel zu meinem Apartment in den verabredeten Briefkasten werfe, ist alles gut. Danach beginnt der Murks.

Erstmal zum Start des Tages quer durch die Stadt, ich lege die Sonnenbrille an, schalte auf Durchzug und laufe die Warszawska raus. Schickes Rathaus, ansonsten Plattenbauten, Baumärkte, Vormittagsverkehr. An sich nichts Ungewöhnliches, aber irgendwie will es mir heute einfach nicht schmecken.


Gestern Abend beim Kartenstudium habe ich mich entschieden, den grün markierten Wanderweg einzuschlagen, der eigentlich direkt bis Prabuty führen sollte. Mich hätte vielleicht stutzig machen sollen, daß er auf der Karte auf weiten Strecken einfach so quer durch den Wald gezeichnet war, statt wie sonst irgendwelchen Feldwegen zu folgen. "Am Ortsausgang nach dem Bach links abbiegen!", habe ich mir gemerkt. Mache ich auch. Von der Wegmarkierung nix zu sehen. Ok, vielleicht hat dieses neue Gewerbegebiet hier alles umgepflügt, wäre ja nicht das erste Mal. Aber die neuen Straßen laufen alle in Richtungen, in die ich nicht will. Also rette ich mich mit Hilfe einer halb abgerissenen Brücke über die Eisenbahnlinie, um wenigstens die richtige Richtung einzuschlagen. Das kann ja ein heiterer Tag werden: Noch keine Stunde unterwegs, und schon am improvisieren.

Im Wald überrasche ich einen jungen Fitness-Freak beim Abstecken eines Lauf-/Workout-/Wasauchimmer-Parcours, es ist ihm irgendwie peinlich, daß ich da plötzlich angewandert komme und auf einmal ist er ganz doll damit beschäftigt, an dem Stöckchen rumzubasteln, das er eben als dem Unterholz gezogen hat. Er wartet noch ein paar Minuten, bis ich weiter weg bin -- aber kurz bevor ich um die nächste Kurve biege, muß ich mich einfach nochmal umdrehen. Und da hechtet er schon auf dem Sandweg von Stöckchen A zu Stöcken B und wieder zurück...

Er weiß wenigstens, was er tut. Ich weiß das heute nicht so genau. Es ist einer dieser Tage, an dem Karten und Realität so überhaupt nicht zueinander passen. Den grünen Wanderweg habe ich immer noch nicht gefunden, statt dessen wurschtele ich mich auf Forststraßen durch den Wald, wenigstens stimmt die Richtung so halbwegs. Eine halbe Stunde später starte ich nochmal einen Abstecher nach Norden zum Fluß, vielleicht finde ich ja dort den Wanderweg wieder -- Fehlanzeige. Allerdings gibt es hier einen Radweg, auch halbwegs in die richtige Richtung. Dann, plötzlich, die grüne Markierung. Die hier nach links abbiegt. Hä? Ok, pfeif drauf, weiter geradeaus.

Den Sklep in Ośno lasse ich rechts liegen, mein Rucksack ist noch prall gefüllt mit Getränken. Großmutter sitzt im Garten ihres polnisch-sozialistischen Reihenhauses auf der Gartenschaukel im Mittagsschatten und schaukelt leise. Schräg gegenüber steht ein alter Golf mit laufendem Motor und offener Fahrertür und wartet darauf, daß sein Fahrer zurück kommt. Die Bordsteine sind wieder weiß gestrichen, der Wind macht die Mittagshitze sehr erträglich und ich hätte Lust, mich irgendwo in den Schatten zu legen. Aber wo? Hier neben dem sandigen Feldweg, auf dem ich eben von einem vorbeifahrenden Auto schon total eingestaubt wurde?

Bei den nächsten Häusern kommt mir plötzlich wieder der grüne Wanderweg "entgegen". Wie bitte? Ok, das könnte nützlich sein. Ich war mir nämlich nicht ganz sicher, ob es hier hinter den Häusern wirklich eine Brücke über den Bach gibt. Wenn mir der Wanderweg hier entgegen kommt, wahrscheinlich schon. Nach ein paar hundert Metern Unterholz stehe ich vor der schönsten "Über jedes Bacherl geht a Brückerl"-Situation seit Wochen, balanciere über das morsche Flickwerk aus Holz und hoffe, daß das Ding meine 70 kg Gesamtgewicht (incl. Rucksack...) auch trägt. "Hier könnte man doch eigentlich auch mal seine Füße ins Wasser hängen?" denke ich mal eben, bleibe stehen - und verwerfe die Idee sofort wieder. Denn dieser eine Moment des Stehenbleibens und dumm Guckens hat ausgereicht, um 17 Mücken an mir kleben zu lassen. Och, dann gehe ich vielleicht doch noch ein Stück weiter.

Die Wanderkarte ist heute mehr oder weniger nutzlos, der grüne Weg zweigt schon wieder irgendwo ab, wo ich ihn niemals vermutet hätte. Eigentlich folge ich die meiste Zeit mehr oder weniger einfach irgendwelchen Wegen, die im Wald halt zu finden sind, überprüfe auf der Kartenapp von Zeit zu Zeit die Richtung und irgendwie wird's schon.

Der nächste markante Wegpunkt ist die Bahnlinie, die es zu überqueren gilt. Eine breite Forststraße führt schonmal in die richtige Richtung, der grüne Wanderweg kommt auch mit, aber dann stehe ich vor der nächsten halb abgerissenen Brücke über die tief in den Hügel eingeschnittenen Gleise. Diesmal aber mit 3-Meter-Maschendrahtzaun-Sicherung auf beiden Seiten. Was soll denn DER Mist? Netterweise hat schon jemand für mich den Zaun auf beiden Seiten aufgeschnitten, so daß ich es mir sparen kann, 2 Bahndämme samt Gräben und Unterholz zu durchkämpfen.

Theoretisch muß ich jetzt einfach nur links abbiegen und 5 km direkt parallel zur Bahnlinie laufen, was ich in Ermangelung anderer passender Wege auch mache. Spaß ist das allerdings nicht. Da, wo früher sicherlich mal ein parallel verlaufender Weg war, wurde fleißig gerodet und mit der Fräse alles um/durch/zu und weggefräst. Jetzt habe ich also die Wahl, mich a) die nächsten Kilometer durchs Unterholz zu schlagen oder b) auf der links abgebildeten Schneise weiterzulaufen. Sieht ja erstmal ganz entspannt aus, wa? Besteht aber aus faustgroßen Brocken Erde und Matsch, die die Sonne der letzten Tage bockelhart gegrillt hat. Unter jedem Schritt knurpst und staubt es und fünfhundert Meter kosten soviel Kraft wie ein Kilometer auf einem sandigen Feldweg. Aber im Süden gibt's nur Sumpf, im Norden nur Wege, die nach Norden führen -- und ich will eigentlich nach Osten. Also kämpfe ich mich murrend weiter und verfluche dabei den grünen Wanderweg.

Eine gute Stunde später erspähe ich auf der anderen Seite der Gleise eine Kopfsteinpflasterstraße, überquere die Gleise, trinke vor Glück erstmal meine letzten Getränke aus und wanke über das Katzenkopfpflaster weiter.

Die restlichen Kilometer sind ein wenig reizvoller Spaziergang entlang der Straße. Ich beäuge kritisch die Wolkensituation, für den Nachmittag sind Gewitter angesagt und passenderweise haben sich in den letzten Stunden entsprechende Wolkenberge im Süden aufgetürmt hat. Durch Prabuty laufe ich durch wie ein heißes Messer durch Butter, ich will am Bahnhof den Zug nach Iława noch erwischen und nicht fast 2 Stunden auf den Nächsten warten müssen. 

Hä? Zug? Naja, wieder so ein logistischer Streich meinerseits. In Prabuty habe ich nix passendes zum Übernachtungen gefunden, denn das verlängerte Pfingstwochenende steht vor der Tür und halb Polen will aufs Land fahren. Also habe ich in der nächsten größeren Stadt Iława ein Zimmer für ganze 4 Nächte gebucht. Heute beende ich meine Etappe am Bahnhof in Prabuty und fahre mit dem Zug nach Iława, um morgen früh wieder mit dem Zug hierher zu fahren. Dann geht's nahtlos weiter und so mache ich das, bis Pfingsten vorbei ist und die Buchungssituation sich wieder etwas bessert. (Ja, ich habe eigentlich ein Zelt dabei, aber für die komplette nächste Woche sind durchgehend Gewitter angesagt -- da muß ich nicht unbedingt im Zelt sitzen...)

In Iława ist das Wetter schon ein bißchen weiter und drückt immer mehr Wolkenberge an den Horizont. Als ich vom Bahnhof am See entlang zu meiner Tawerna laufe, gibt es die ersten Tropfen zu den ersten fernen Donnerschlägen und ich bin sehr happy, daß ich rechtzeitig angekommen bin. Erstmal auspacken. Und sich darauf freuen, 4 Nächte im selben Bett schlafen zu dürfen... Der Tag war Murks, weil eigentlich nichts so geklappt hat wie ich es geplant hatte. Aber irgendwie ging's am Ende doch -- und als ich Abends bei meinem Gute-Nacht-Bier sitze, wird mir klar, daß der Tag eigentlich sogar großartig war. Wenn Improvisiertes funktioniert, sollte man froh und dankbar sein...

Sonntag, 15. Mai 2016

Tag 22: Mazurek Kilianskiego.

Tag 22/27: Dienstag, 10.05.2016
Rakowiec nach Kwidzyn
4,5 h / 18 km (halber Tag, wa?)

Scheiße geschlafen, trotz Oropax. Erst ewig unruhig hin und her gewälzt, dann komischen Kram geträumt, schwitzend aufgewacht. Das Frühstück absolviere ich mißmutig, bis zu dem Moment, in dem unerwarteterweise ein perfekt cremiges Rührei zu meinem ansonsten trostlosen Tellerfrühstück vor meiner Nase landet und mich daran erinnert, die schön Polen sein kann.


Wie schön ist Polen eigentlich überhaupt? Auf jeden Fall schöner, als ich gedacht  habe. Wilder, leerer, abenteuerlicher. Wenn Polen allerdings häßlich ist, dann aber richtig. Dann kommen die quadratischen Häuser mit Flachdach wieder aus den Gruselkabinetten, der Müll am Straßenrand, die überdimensionierten Werbeschilder, die halbfertigen Villen-Rohbauten, deren Bauherren reihenweise das Geld ausgegangen ist, der staubige Rauch der Kohlefeuerung, der die Nachbarn im Garten vollqualmt.

Heute sehe ich davon erstmal nichts -- ich überquere nur kurz die große Straße vor meinem Gasthof, biege auf einen unscheinbaren Sandweg ein und finde einen entspannten Wanderweg durch ein kleines Naturreservat mit Fluß, Sumpf und Wald, dazwischen alte Flußarme, wie man sie aus dem Biobuch kennt. Vor dem Gasthof hing glücklicherweise eine große Tafel, auf der die markierten Wanderwege der Region eingezeichnet waren, und diese Tafel wußte einiges mehr als meine grobe Landkarte.

Also folge ich für die nächste Stunde blind der weiß-gelb-weißen Markierung. Und das rächt sich. Mein Bauchgefühl sagt mir ganz klar, daß ich hier im Kreis laufe und ein Blick auf die Karten-App läßt dieses Bauchgefühl nicht weniger werden. Ich murre innerlich, füge mich aber dem Weg,  weil ich es a) nicht besser weiß und b) nicht eilig habe. Vielleicht haben die klugen Wegmarkierer ja den Umweg eingebaut, um ein Highlight mitzunehmen, z.B. einen Aussichtspunkt, von dem aus man schick die Weichsel fotografieren könnte. Nicht ganz, aber tatsächlich gibt es am Waldrand schonmal einen kilometerweiten Ausblick über das Flußtal auf Kwidzyn, mein heutiges Etappenziel am anderen Weichselufer. Inklusive Burg Marienwerder, schick in roter Backsteingotik.

Weiter unten im Dorf laufe ich an einem Haus vorbei, eine alte Frau werkelt im Garten, auf der Leine hängt frische Wäsche und duftet. Mein wunder Punkt: Der Geruch von frischer Wäsche auf der Leine. Es gibt keinen Geruch und kein Symbol, der für mich mehr mit dem Privileg des eigenen Zuhause verbunden ist -- und gleichzeitig das Gegenteil von dem darstellt, was ich gerade tue. Mein Zuhause ist gerade die Straße. Ich wasche meine Wäsche im Handwaschbecken in Gasthöfen, irgendwo an der Landstraße im Nirgendwo. Und in diesem Moment beneide ich die alte Dame unendlich ob ihres Gartens und ihrer Wäscheleine.

Ein paar hundert Meter weiter schaue ich zufällig nach links und sehe auf einem verwilderten Grundstück eine alte halbverfallene Kirche. Das Tor im Zaun ist offen, ein Trampelpfad führt auf das Grundstück - offenbar eine Abkürzung für die Einheimischen. Ein Stück weiter die Reste des alten Friedhofs, überwuchert und vergessen. Seltsamerweise grenzt der aktuelle - katholische - Friedhof des Dorfes direkt an diese Wildnis des Verfalls an, mit gut besuchten, gepflegten und dekorierten Gräbern. (Wikimapia verrät mir am Abend, daß es eine evangelische Kirche war, trotz des Davidsterns im Turm.) Ein seltsamer Ort mitten im Dorf, ein Ort an dem die Zeit stehengeblieben ist, während rund herum das Dorfleben weitergeht.

Unten auf der Landstraße beginnt der Anmarsch auf die Brücke. Gott sei Dank hatte ich vor ein paar Tagen nachmal Google Maps konsultiert und mich nicht auf meine polnischen Wanderkarten verlassen: In denen war noch die alte Weichselfähre zwischen Opalenie und Korzeniewo eingezeichnet. Die gibt es allerdings schon seit Jahren nicht mehr, statt dessen hat ein Infrastrukturprojekt Polens ein Stück weiter nördlich eine neue Monsterbrücke über die Weichsel genagelt. Wer mag's den Planern verdenken...

Neben der Schnellstraße führt ein breiter Gehweg über den Fluß, aber außer mir geht da heute keiner. Auf dem Scheitelpunkt der Brücke muß ich an die polnische Nationalhymne denken, den Mazurek Dąbrowskiego:

"Marsz, marsz, Dąbrowski..."
"Przejdziem Wisłę, przejdziem Wartę, będziem Polakami..."

"Marsch, marsch, Dąbrowski..."
"Wir werden Weichsel und Warthe durchschreiten, wir werden Polen sein..."

Die Warthe habe ich schon vor einigen Wochen überquert, jetzt die Weichsel dran. Polen ist zur Hälfte geschafft und ich stehe neben der brausenden Schnellstraße im Wind, freue mich über die Aussicht und bin stolz wie Bolle. Und vielleicht frage ich in ein paar Wochen mal nach einer Teilzeitmitgliedschaft im "Club Polen".


Auf der anderen Seite des Flusses empfängt mich ein Sklep, der mich zuverlässig mit saukalten Getränken und einem Eis versorgt. Schnurgeradeaus und bretteben wandere ich an der Straße entlang, die früher zur Weichselfähre führte -- jetzt ist sie von neuen Einfamilienhäusern gesäumt. Der Geruch (nicht: Duft) einer Kaffeerösterei schiebt sich etwas unpassend ins Bild, ist aber auch schnell wieder vorbei. Der Wind erleichtert das Gehen in der Mittagshitze, die sich nicht wie Mitte Mai anfühlt, sondern eher wie Juni oder Juli.

Die Burg Marienwerder kommt wieder in Sicht und erinnert mich leicht an ihre große Schwester in Malbork. Ich stelle fest, daß mein Apartment für heute Nacht direkt neben der Kathedrale und dem Museum liegt und überlege ernsthaft, ob ich angesichts des "halben Wandertages" noch ein wenig Kulturprogramm einbauen sollte. Aber erstmal den Schlüssel von der etwas humorlosen Apartment-Vermieterin abholen...

Kurz nach dem Ankommen bin ich noch voll im Erledigungsmodus ("Du MUSST heute endlich mal einige Klamotten waschen!") und sortiere meine Wäsche. Eigentlich will ich schon seit Tagen waschen, aber es scheiterte entweder an Waschbecken ohne Stöpsel, akuter Unlust oder daran, daß meine Pensionswirtin schlicht vergessen hatte, die Waschmaschine anzustellen. Im Bad finde ich: Eine Waschmaschine! Ui! Und vor der Haustür ist ein Sklep, da gibt es bestimmt Waschmittel! Aber vorher schauen wir nochmal in alle Schränke -- na bitte, Waschmittel ist sogar vorrätig. Also werfe ich die Waschmaschine an, dusche mir eins und habe eine 1a Entschuldigung, daß ich die nächste Stunde einfach nur glücklich auf meinem Bett herumliege, denn: Ich muß ja noch die Wäsche aufhängen, wenn sie fertig ist. Mehr zuhause auf Reisen geht nicht.

Kulturprogramm fällt aus, das Museum schließt schon am mittleren Nachmittag. Ach, DAS ist aber schade... Naja, dann habe ich wenigstens einen guten Grund, hier nochmal als normaler Tourist (= mit Auto) her zu kommen.

Kwidzyn hat tatsächlich richtig Bevölkerung und eine Fußgängerzone, ich okkupiere die Terrasse eines Pizzaladens und sitze in der Abendsonne herum. Die Pizza ist riesig und gut, und obwohl ich keine Soßen wollte, gibt's wieder Extra-Soßen zur Pizza dazu. Pah, die können von mir aus in der Sonne gammelig werden. Ich trinke mein Bier aus, schlendere noch ein bißchen durch die abendliche Stadt und suche einen Geldautomaten für mein schwindendes Bargeld (fündig werde ich nach 15 min Stadtrundgang direkt neben der Terrasse des Pizzaladens), kaufe mir im Sklep gegenüber meines heutigen Zuhauses noch ein Gute-Nacht-Bier und hoffe beim Einschlafen inständig, daß die Kathedrale direkt vor meinem Fenster morgen Früh nicht rumklingelt.

Samstag, 14. Mai 2016

Tag 21: Zu stolz, um umzudrehen.

Tag 21/26: Montag, 09.05.2016
Osiek nach Rakowiec 
(naja, irgendwo an der Landstraße)
5,5 h / 23 km

Der Morgen ist warm und klar, ich packe in Ruhe mein Zeug zusammen, bezahle meine 25 PLN und bin aus der Tür. Das fehlende Frühstück hole ich nur ein paar hundert Meter weiter am See nach, indem ich mir den ersten Liter Wasser in den Magen gurgele. Der Tag wird nicht allzu lang werden, also ist Zeit zum Bummeln. Der erste Holzstapel im Wald gehört mir, ich mache erstmal eine ordentliche Frühstückspause mit dem eigenwilligen Zitronenkuchen aus dem Sklep von gestern, lese ein paar Kapitel, rutsche auf meinem Baumstamm mal nach links und mal nach rechts, um entweder mehr im Schatten oder mehr in der Sonne zu sitzen. Der Platz ist lauschig, gehört aber offenbar den Mücken, die irgendwann auch mit Nachdruck ihr Territorium zurückfordern.


Auf die Mücken komme ich übrigens nicht nicht ganz klar. Seit gestern sind sie plötzlich immer und überall, als hätte sie jemand alle auf einmal freigelassen. Die kleine Stunde gestern Abend auf der Terrasse haben die Biester genutzt, um mir die Beine knapp oberhalb der Knöchel grün und blau zu stechen.

Also Rucksack auf und weiter. Durch Markocin, ein kleines Nest mitten im Wald. Mit vielleicht 10 Häusern, ein paar Wochenendhäuschen, mit der Außenwelt verbunden durch sandige Waldwege. Die Hitze flimmert über den Wiesen, die Dorfhunde kläffen müde, und die große weite Welt da draußen ist ganz weit weg. Vielleicht will ich mit 60 in so einem Kaff am Ende der Welt leben, glücklich auf meinem Rasentraktor. Im Schuppen Brennholz, das du beim Förster gegen eine Flasche Schnaps eingetauscht hast. Und du überlegst dir jedesmal gut, ob du wirklich in den nächsten Ort fahren mußt. Aber was sollen die Träumereien -- der Alltag sieht wahrscheinlich anders aus. Ständig graben dir die Wildschweine den Garten um, dein Auto wird nie wieder nicht dreckig sein und - ja... - ordentliches Internet gibt es hier draußen sicherlich auch nicht. Ende der Träumereien. Ab in den Wald und weiter...

Irgendwann drehe ich mich mal aus Versehen um und nehme erst jetzt wahr, was sich da für ein Wetter hinter mir zusammenbraut. Ok, der Wetterbericht hatte für den Nachmittag Gewitter angesagt, aber meine ständige Hoffnung bei solchen Nachrichten ist ja, bis dahin schon ein festes Dach über dem Kopf zu haben.
Eine Stunde später ändert sich die Landschaft um mich herum komplett. Der Wald ist vorbei, es übernehmen wieder die eintönigen Felder. Ich laufe durch Straßendörfer, die ihre Randsteine schneeweiß gestrichen haben und deren Skleps keine Schilder brauchen, weil die Einheimischen sowieso wissen, wo der Laden ist. Hinter einer Kirche finde ich einen herrlich schattigen Platz unter einer Linde, lasse mich im Wind trocknen und ignoriere tapfer die Blicke der Dorfbewohner, die sich fragen, wer da auf ihrer Bank sitzt. Weniger ignorieren kann ich den Blick in Richtung Himmel, der sich immer mehr zuzieht.

Am Ortsausgang beginnt und stockt das Gespräch mit dem neugierigen Altbauern wie üblich innerhalb kurzer Zeit, die Niemcy-Estonia-Pantomime versteht er aber trotzdem. Sein Sohn repariert inzwischen an einem uralten Ostblock-LKW herum, ist aber zu schecht gelaunt, um sich dem Gespräch anzuschließen. Irgendwo weiter hinten dröhnt Autobahn, die von Danzig nach Łódź führt. Die erste Autobahn seit dem Berliner Ring, also seit - keine Ahnung - 400 oder 500 km? Ich müßte dringend mal ausrechnen, wieviele Kilometer ich schon gelaufen bin. Eines weiß ich: Morgen werde ich über die Weichsel gehen, die für mich ungefähr die Hälfte von Polen markiert. Auf diesen Moment freue ich mich schon seit Tagen.

Leider führt mich mein Weg unter der Autobahn durch statt oben drüber; wie gerne hätte ich mich wie früher als Kind auf die Autobahnbrücke gestellt und den LKW zugewunken. Statt dessen gibt es nur wenig später die ersten Regentropfen auf den Kopf, als Vorboten des restlichen Nachmittags. Ich stecke die gute detaillierte Wanderkarte weg, die mich die letzten 5 Tage durch die Tucheler Heide geleitet hat und hole lustlos das nächste grobe 1:100.000er-Blatt des polnischen topographischen Institutes heraus. Ich ahne schon wieder, was das heißt: Keine kleinen Schleichwege mehr (weil sie nicht eingezeichnet sind), statt dessen stumpfes Asphaltwandern.

Für die nächste Stunde sieht das auch genau so aus, bis ich im Dorf Szarzewo irgendwie nicht aufpasse und falsch abbiege. Ich lande in einer Sackgasse, um mich herum 180°-Panorama von noch grünen Getreidefeldern - und kein anderer Weg in Sicht. Umdrehen und zurücklaufen kommt nicht in Frage, also kämpfe ich mich hoch auf den Bahndamm der alten aufgelassenen Eisenbahnstrecke. Eigentlich muß ich mich nur bis zur nächsten Brücke durchschlagen, dann rechts abbiegen. Eigentlich. In der Realität ist die Strecke wohl seit mindestens 10 Jahren nicht mehr in Betrieb und - abgesehen von den hier abgebildeten ersten paar Hundert Metern - komplett überwuchert. Also kämpfe ich mich durchs Unterholz und denke jedesmal, wenn mir wieder eine Mücke ins Ohr fliegt oder mir ein Ast ins Gesicht peitscht: Umdrehen wäre einfacher gewesen. Aber der Stolz war wieder stärker.

Irgendwann ist auch die Bahnbrücke erreicht, ich werfe den Rucksack ab, setze mich auf die Steinkante und lasse die Füße baumeln. Dabei fällt mir auf, daß ich heute wider Erwarten trocken geblieben bin. Immerhin sehe ich am Himmel, daß es weiter im Westen, wo ich noch vor 1 bis 2 Stunden war, gerade einen fetten Gewitterguß gibt. Offensichtlich habe ich mich irgendwie zwischen den Wolken durchgemogelt.

Die letzten Kilometer bis zu meinem Gasthof sind der Horror: Entlang der dicht befahrenen Landesstraße 91, andere Wege führen da nicht hin. Also quetsche ich mich soweit nach links, wie es geht, versuche Blickkontakt zu den LKW-Fahrern aufzunehmen, um sicher zu sein, daß sie mich wahrgenommen haben. Insgesamt fühlt sich das an wie ein Kaninchen auf der Autobahn, aber nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei.
Die Ankunft an meinem Landstraßenhotel erinnert mich zunächst sehr an Frankreich: Ein Gasthof direkt neben der Fernverkehrsstraße. Erst sitzt du nett nach hinten raus auf der Terrasse und guckst auf den See, dann gehst du auf dein Zimmer, das nach vorne raus liegt, und hörst beim Einschlafen den LKW zu. Aber der Laden hier ist nett und gibt sich Mühe. Die Mädels hinter dem Tresen kichern und knuffen sich mit dem Ellenbogen in die Seite, als ich mein Sprüchlein mit "dzień dobry" und "pokoj" aufsage - aaah, das ist der seltsame Typ, mit dem sie vor ein paar Tagen Englisch am Telefon sprechen musste. Immerhin: Die Dame hat sich sehr wacker geschlagen und wir haben uns quasi Wort für Wort vorgearbeitet. Soviel Geduld mußt du in der Gastronomie erstmal haben, wenn um dich herum das Tagesgeschäft brummt. Und auch heute brummt es, und ich gönne es dem Zajazd Gniewko: Die Terrasse ist voll, das Essen lecker, das Zimmer frisch renoviert. Wenn ich wollte, könnte ich noch in den Streichelzoo nebenan gehen. Aber ich trinke lieber mein letztes Bier aus, betrachte den Sonnenuntergang und freue mich über die Kühle des Abends, die für ein paar Stunden wieder die Oberhand haben wird.

Freitag, 13. Mai 2016

Tag 20: Glück gehabt.

Weg: siehe Bildmitte
Tag 20/25: Sonntag, 08.05.2016
Tleń nach Osiek
7 h / 27 km

Wieder ein Tag, an dem ich nicht weiß, wo ich landen werde. Das Forsthaus Czarne hat meine Anfrage per Email ignoriert, andere Alternativen waren in erreichbarer Laufdistanz im Netz nicht zu finden, ohne vollkommen von der groben Richtung abzuweichen. Und schließlich habe ich ja auch noch ein Zelt mit. Doof nur, daß ich heute überhaupt keinen Bock auf Zelten habe. Es soll am Nachmittag regnen, außerdem finde ich auf der Karte nur wenige Seen, deren Ufer nicht mit Häusern bebaut sind. Vielleicht finde ich ja doch noch irgendwas auf dem Weg, zur Not muß halt doch das Zelt herhalten. 

Direkt gegenüber vom Hotel tauche ich neben dem Fluß ins Unterholz ab. Auch die Wda schlängelt sich durch ein unbewohntes Tal mit sumpfigen Ufern, oberhalb erstrecken sich auf sandigen Höhen endlose Kiefernwälder. Der Weg existiert, irgendwie, wirkt aber wie eine seit 30 Jahren nicht mehr begange Abenteuertour: Tonnenweise Bäume sind auf den Weg gestürzt und zwingen mich zu einer Kletter- oder Krabbelpartie nach der anderen. Was mit dem Monster-Rucksack weniger lustig als sonst ist. Plötzlich gibt es massenhaft Mücken, die sich immer im richtigen Moment auf mich stürzen, ich laufe durch 326 Spinnennetze und schleppe daher ca. 27 Spinnen mit mir herum. Schon nach einer halben Stunde bin ich vollkommen durchgeschwitzt und bei der erstbesten Gelegenheit nehme ich den erstbesten Weg, der nach links den Steilhang hinaufführt. Ist schön hier, aber heute nicht für mich.

Oben im Wald sitze ich erstmal eine halbe Stunde auf dem Stamm einer dicken Birke am Wegesrand, gucke mir die Wolken in der Ferne an und trockne im Wind. Die Forstbehörde hat hier mächtig abgeholzt, es wirkt teilweise ein bißchen wie eine Mondlandschaft. Staubtrocken ziehen sich die Sandwege über Kilometer hin und die Mittagssonne brennt gnadenlos von oben. Und dabei ist es gerade erst Anfang Mai... 

Doch genauso unverhofft ist der Spuk auch wieder vorbei, das liebliche Flußtal schiebt sich wieder in den Vordergrund. Sattes Grün, ein paar verstreute Häuser, Angler und Wochenendgrundstücke. Als ich auf der Straße über die einzige Brücke weit und breit gehe, überholt mich ein Wohnmobil, hinten auf dem Fahrradständer ein Fahrrad -- und ein Rasenmäher. So sind hier also die Prioritäten verteilt...

Der Himmel zieht sich im Laufe des Tages langsam zu, es riecht förmlich nach Nachmittagsgewitter und ich halte für meine Mittagspause an einer überdachten Picknickbank im Wald, die mich im Fall der Fälle trocken halten würde. Ein Abschleppwagen fährt vorbei, original mit "Im Auftrag des ADAC". Sitzen, lesen, Socken in der Sonne wenden. Der Abschlepper rumpelt wieder vorbei, in die Gegenrichtung, mit einem Auto hintendrauf und einem Pferdeanhänger hintendran. Ab und zu trete ich barfuß auf den Waldweg raus, um den Himmel zu beobachten. Sieht fies aus, daher dehne ich meine Mittagspause so weit aus, bis mir sterbenslangweilig ist und ich lieber in Kauf nehme, in den Regen zu kommen, als weiter hier rumzusitzen. 

In Łuby treffe ich auf den ersten freundlichen Dorfhund dieser Reise. Statt sinnlos zu kläffen, läßt er sich nach einem kurzen Schnuppern kurz über den Kopf streicheln, bevor er wieder hinter irgendeinem Hoftor verschwindet.

Die letzten Kilometer bis Osiek will ich Strecke machen, um noch einen Zeitpuffer zu behalten, falls ich keine Übernachtungsmöglichkeit finde und doch noch weiter in den Wald muß. Die sandigen Wege machen das Vorankommen beschwerlich, ich verliere zum ersten Mal seit Tagen leicht die Lust. Das Einzige, was in einem solchen Fall hilft: Kurz Pause machen, Wasserflasche leer trinken, Kopf ausschalten, Rucksack auf -- und weiter.

In Osiek beginnt dann das Scannen nach einer Übernachtungsmöglichkeit. Meine größte Hoffnung hatte ich auf den Gasthof an der Landstraße gesetzt. Aber ach, der scheint schon seit Längerem tot zu sein. Verrammelt und verriegelt, der Garten überwuchert. Also drehe ich wieder um und laufe denselben Weg wieder zurück in den Ort, diesmal aber auf der anderen Straßenseite, um den lustigen Grill-Rentnern von eben eine Chance zu geben, ein Gespräch mit mir anzufangen. Dann hätte ich elegant darauf hinweisen können, daß ich heute nix zu Essen bekommen werde, weil der Gasthof aufgegeben hat. Dann hätten sie mir elegant eine Wurst über den Zaun reichen können. Aber wahrscheinlich bin ich der Einzige, der sich solche Sachen ausdenkt und zurechtlegt, ich zuckele also ohne Wurstgewinn an den Rentnern vorbei und klappere statt dessen die restlichen Straßen des Dorfes nach möglichen Schildern oder Hinweisen auf eine Zimmervermietung ab. 

Die schöne Agroturystyka mit dem schönen Schild wird antelefoniert, die Dame des Hauses spricht etwas Englisch, hat auch ein Zimmer frei, ist aber erst um 20:00 Uhr wieder zuhause. Will ich jetzt 3 Stunden auf der Straße rumsitzen, mit den Gewitterwolken im Rücken? Gleich nebenan ist die nicht ganz so schöne Agroturystyka mit dem weniger schönen Schild, die Kollegin kann eher ein paar Brocken Deutsch und ich verstehe, daß sie wissen möchte, wann ich denn ankomme. Ich versuche zu erklären, daß ich schon vor der Haustür stehe, aber der Groschen fällt erst, als die Wirtin ums Haus kommt und ein erstauntes "Oh" ausruft, beide haben wir das Handy am Ohr und alles wird gut.

Ich werde reingebeten, bekomme etwas zu Trinken angeboten, das Zimmer wird noch schnell hübsch gemacht und nach einer Dusche und einem kleinen Einkaufs-Run zum Sklep sitze ich auf der Dachterrasse mit Aussicht auf den Garten und den See und esse ein Männerabendessen (Kielbasa und Warka). Und bin rundum zufrieden. Ok, das Zimmer ist etwas schrammelig, das gemeinsame Bad ist nicht wirklich sauber, eigentlich übernachtet man in einem zusätzlichen Zimmer mitten im Haus der Gastgeber. Aber die Leute sind freundlich und das ist viel wichtiger. Zumal dir das sowieso alles egal ist, wenn du auf der Straße stehst und bangst, ob du heute Abend ein Dach über dem Kopf finden wirst oder ob du irgendwo im Wald schlafen und auf das Gewitter warten mußt.

Später finde ich heraus, daß mich das Zimmer 25 PLN für die Nacht kostet (das sind - festhalten! - 5,60 EUR) und sofort fühle ich mich irgendwie schuldig. Die Gastgeberin bringt noch einen kleinen Teller mit Selbstgeräuchertem und ich trinke mein zweites Warka, schaue auf den See und freue mich, daß ich in Polen bin. Als es dunkel wird, setzten sich meine Gastgeber und zwei Freundinnen noch zu mir auf die Terrasse, es gibt nochmal Bier und Häppchen mit Fleisch und Ei für alle. Es herrscht großes Sprachgewirr zwischen Polnisch, Deutsch und Englisch, wir lachen über Onkel Google und Tante Wikipedia, die Mücken fressen uns auf und irgendwann gehe ich ins Bett in einem schrammeligen Zimmer und fühle mich ein Stück zuhause.

Donnerstag, 12. Mai 2016

Tag 19: Jungfrauendiebstahl

Tag 19/24: Samstag, 07.05.2016
Wymysłowo nach Tleń
7,5 h / 30 km

Es wird immer wärmer. Für heute sind 23° angekündigt und schon die erste halbe Stunde zurück über die Landstraße bis zum Waldrand erinnert mich an Hochsommer. Vielleicht noch 10° mehr, später im Juli? Schwer vorstellbar...

(Finde den Fehler...)
Ich stapfe auf tiefen sandigen Wegen durch einen knallgrünen Wald, der vor sonnigen Flecken nur so funkelt. Es riecht nach Sommer, nach Waldboden, und überhaupt ganz einfach herrlich. Außer meinen heuschnupfenbedingten Niesattacken stört nichts die Stille dieses Waldes, auch nicht der etwas seltsame Typ, der mir eine halbe Stunde später entgegen kommt. Ich hab ihn erst gar nicht wahrgenommen, weil er sich so langsam bewegt hat, sein Fahrrad über den Sandweg schiebend, in zerlumpten schwarzen Arbeitsklamotten, jeden Augenkontakt panisch vermeidend. Doch genauso plötzlich wie er auftauchte, ist er auch wieder weg.

Auf der anderen Seite des Waldes ahne ich an dem Geräusch von Kreissägen, daß das nächste Dorf nicht weit sein kann. Ich verzichte darauf, für die nächsten Kilometer der Straße zu folgen und schlage mich statt dessen auf schmalen Feldwegen durch die Landschaft. Die Sonne knallt mit voller Kraft vom Himmel, aber ein leichter Wind macht das Gehen zu einem gleitenden Vergnügen. Jetzt nur keinen Sonnenbrand bekommen...

Unterhalb der Bahnlinie hat der Bauer seine Kühe auf der Wiese angepflockt. Die Tiere sind neugierig und zutraulich, nur die rote Kuh in der Mitte flippt aus, als ich auf dem Weg an ihr vorbeigehen will. Vielleicht ist das da auf er anderen Seite des Weges ihr Kalb (für das es etwas groß geraten wäre)? Während die Kuh ausflippt, gewaltig an ihrer Kette reißt und ich mich gerade frage, wie tief der Halt gebende Pflock wohl in der Erde stecken mag, kommt natürlich der Bauer samt Traktor um die Ecke. Um die Situation zu retten, schlage ich einen weiten Bogen über die Wiese um die gesamte Herde herum -- und siehe da: Kuh beruhigt sich, Bauer grüßt freundlich, Wanderer wird nicht vom Bauern erschossen.

Cekcyn, der nächste größere Ort, serviert zuerst einen top gepflegten kommunalen Strand mit Liegewiese, Volleyballplatz, Badestegen, Kinderbecken, Umkleidekabinen, Zeltplatz, geschlossenem Kiosk und ähnlichen touristischen Errungenschaften. Ich entere sofort den Steg, um meine kochenden Füße ins Wasser zu halten, aber -- meine Beine sind zu kurz. Es fehlen gerade mal 10 cm, also muß ein kurzes Benetzen unter Aufwendung einiger Gymnastikeinlagen ausreichen. Viel wichtiger ist mir, bei der ganzen Veranstaltung nicht in den See zu fallen. Also setze ich mich lieber auf die Bank unter den Baum, trinke meine Wasserflaschen leer und lese eine knappe Stunde, bis die Kirchenglocken Mittag schlagen.

Auch im Anschluß hält Cekcyn den zunächst hoch angesetzten Standard aufrecht: Erstmal ein gut sortierter Sklep mit gut gelaunten Verkäuferinnen, denen ich tonnenweise Getränke abkaufe. 300 Meter weiter ein Groszek, in dem ich ein zitroniges Eis erstehe. Und kurz vor dem Bahnhof noch ein dritter Laden (Und das in einem Kaff mit 1.700 Einwohnern. Man vergleiche das bitte mal mit Deutschland...), den ich aber trotz Lust auf Kefir und Kabanosy links liegen lasse. Die ersten beiden Läden waren schon Shopping-Streß genug.

Statt dessen gucke ich jetzt einem jungen Bernhardiner am Dorfrand zu, der in seinem Zwinger Turnübungen macht. Auf das Dach der Hundehütte gehüpft, einmal in alle Richtungen umgedreht, und weil auf der anderen Seite zwischen Hütte und Zaun relativ wenig Platz zum Landen ist, springt der kluge Hund mit den Vorderpfoten an die Oberkante des Zauns und lässt sich dort abprallen, um mit den Hinterläufen zuerst auf dem Boden aufzukommen. Anders herum wäre er durch seinen Schwung wohl eher mit dem Kopf gegen den Zaun geknallt. Herrchen repariert währenddessen seelenruhig seinen Sitzrasenmäher, ohne die Kunststückchen zu beachten.

Der Rest des Tages verläuft im Wesentlichen nach dem bekannten Schema "geradeaus durch den Wald", ich schalte mein Hirn aus und schwimme in schier endlosen Kiefernwäldern. Die wenigen Dörfer, durch die ich laufe, liegen still in der Sonne. Manchmal wird irgendwo Brennholz geschnitten, vor dem Sklep sitzen zwei Männer und trinken sich eins, eine alte Frau fegt den Platz vor der Kirche. Beschauliches Dorfleben, von außen nur flüchtig beim Hindurchhuschen gesehen. 

In Tleń öffnet sich plötzlich wieder die große weite Welt des touristischen Wassersportangebots. Überall Werbeschilder für Zimmer, Kajakverleih, Imbiß. Das, was der Wanderer wirklich will (nämlich natürlich einen ordentlichen Sklep), gibt es hingegen nicht. Ich schätze, daß ich morgen Abend wieder im Zelt landen werde, also hätte ich mich gerne noch mit irgendwas zu Essen bevorratet, aber der örtliche Lewiatan ist so eng und duster und gestapelt voll mit Ware, daß ich mich mit Rucksack überhaupt nicht bewegen kann, ohne irgendwas umzuwerfen. Eingeschüchtert greife ich mir eine Flasche Mineralwasser, zahle 2,50 PLN und fliehe aus dieser Falle.

Mein Hotel für heute Abend ist allerdings wieder auf der Habenseite des Lebens. Zwar ziehe ich erneut die Schicksalsniete des Einzelzimmers im Treppenhaus, aber wozu gibt es Oropax. Als ich gerade frisch geduscht auf dem Bett liege, höre ich von draußen vor dem Haus zwei bekannte knarrende Stimmen: Das amerikanische Ehepaar von vorgestern... Verfolgen die mich jetzt auch noch die nächsten Tage?

Als ich beim Essen sitze, sind sie allerdings schon wieder verschwunden. Das Hotelrestaurant ist klasse: Ich genieße hausgebrautes Bier, eine sehr herzhafte Wurstplatte als Vorspeise und ein klasse Hauptgericht aus Pasta und mit Pilzen gefüllter Hähnchenbrust. Plus Nachtisch. Für unter 20 EUR. Zum Zapfenstreich fährt eine Feuerwehrkolonne mit vollem Sirenengedröhn vorbei, dazwischen ein uralter Traktor mit der kompletten Feuerwehrjugend auf dem Anhänger. Offensichtlich habe sie diverse Jungfrauen im Nachbardorf gestohlen. Hupen, Winken, Helau und Juchei. Keine Ahnung, warum -- aber dieses Gefühl habe ich ja in Polen schon zu Genüge kennengelernt. Nicht immer alles hinterfragen, einfach zugucken und genießen reicht manchmal auch.

Dienstag, 10. Mai 2016

Tag 18: Bummeltag mit Wohlfühlmaximierung.

Tag 18/22: Donnerstag, 05.05.2016
Zelt Nähe Zamrzenica nach Wymysłowo
7,5 h / 25 km 

Schön und ruhig war die Nacht auf meinem Waldparkplatz nicht gerade... Die Nähe zur Straße hatte zur Folge, daß ich eigentlich immer mit einem Ohr wach war, um zu horchen, ob ein Auto auf den Parkplatz abbiegt. Die Hunde aus dem Dorf und den einzelnen Häusern in der Umgebung waren gut vernetzt und haben sich regelmäßig und lautstark darüber informiert, was in der Region heute Nacht so abgeht. Höhepunkt diesbezüglich war irgendein größeres Vieh, das irgendwann in der Nacht unterhalb meines Zeltes am Fluß entlang durchs Unterholz preschte, dabei undefinierbare Geräusche zwischen Bellen und Grunzen von sich gab und in einem weiten Bogen über die Straße wieder im Wald verschwand. Alle Hunde im Umkreis von 2 km flippten parallel aus. Danach schlief ich nicht mehr allzu gut -- vor allem das Nicht-Wissen, was das denn eigentlich gerade war, kann einen in den Wahnsinn treiben.


Besuch von Familie Wildschwein gab's in jedem Fall auch, ich habe sie den Weg am Hang hochtrappeln hören, aber nach ein paar Mal laut rufen und in die Hände klatschen haben sie sich wieder davon gemacht. Auch wenn ich mich immer wieder dazu gezwungen habe, alle Geräusche draußen zu ignorieren, war die Nacht eher ein halbschlafenes Dösen statt eine gute Mütze voll Schlaf. Wie soll das erst im Baltikum werden, wenn ich den Wald noch mit ganz anderen Tieren teilen werde? Vertreibe ich die Viecher dann einfach mit dem angstvollen Schlottern meiner Zähne? Offensichtlich liegt da noch Einiges an Abhärtung vor mir...

Ein Gutes hat die kurze Nacht: Ich komme sehr früh in die Gänge. Frühstück fällt aufgrund von Lebensmittelmangel aus, und schon um 08:00 Uhr stehe ich mit fertig gepacktem Rucksack auf dem Parkplatz und ziehe los. Vorbei an dem einzelnen Haus ca. 1 km weiter nördlich, die Stimmlage des bellenden Haushundes ist mir von letzter Nacht noch bestens bekannt. Der Weg schlängelt sich hart am Steilufer der Brda entlang, ein schmaler Pfad zwischen Wald und Fluß. Irgendwann stolpere ich wieder auf einen breiten Waldweg, nur 10 m vom Förster entfernt, der erstmal irritiert innehält, seine Bäume zu markieren. Das Gespräch stockt an der üblichen Stelle, aber als ich meine Niemcy-Polska-Litwa-Lotwa-Estonia-Pantomine aufführe, formen sein Gesicht und sein Mund ein erstauntes "O". Ich ernte einen Handschlag und Daumen hoch, wir winken zum Abschied und jeder widmet sich wieder seiner Tätigkeit. Jetzt habe ich also auch den Segen vom Förster. Ein seltenes Gut.

An der nächsten Brücke über die Brda sitze ich erstmal ein wenig in der Sonne auf dem Steg herum, lasse die Füße kurz im eiskalten Wasser baumeln und als ich mich gerade halb über die Kante des Steges ins Wasser beuge, um meine Trinkflaschen aufzufüllen, erschrecke ich mich fast zu Tode, weil plötzlich eine Radfahrerin hinter mir steht. Ich falle nicht ins Wasser, grüße statt dessen tapfer und schwinge mir zügig den Rucksack auf den Rücken. Wo eine Radfahrerin ist, sind bestimmt auch noch mehr.

Nachdem ich so früh losgelaufen bin, habe ich mehr als genug Zeit zu verplempern. Also folge ich nicht der deutlich kürzeren Forststraße, sondern wähle den verschrobenen Weg unten am Fluß entlang. Und werde mit einer wildromantischen Wanderung durch ein herrliches Flußtal belohnt. Kein Haus, keine Straße, kein Auto. Nichts. Vielleicht ein wenig wie das Bodetal im Harz, nur komplett ohne Touristen und ganz für mich alleine. Erst eine gute Stunde später führt der Trampelpfad wieder auf eine uralte Kopfsteinpflasterstraße, vorbei an erstaunlich großzügig angelegten Biwakplätzen für all die Kajakfahrer, die hier offensichtlich im Sommer den Fluß bevölkern. Anlegestege, extra Paddelständer und Kajakregale, Waschhäuschen und eine geschlossene Recepja-Baracke künden davon, daß hier irgendwann im Jahr mal die Hölle los sein muß. Daß jetzt noch nicht wirklich Saison ist, kann ich angesichts der aktuellen Wassertemperatur vollkommen nachvollziehen.

Der Tag schlendert sich da dahin, es ist sonnig bei vielleicht 20°, ich habe noch mehr Zeit als sonst und auch nicht so rasend viel Weg vor mir. Hände in den Hosentaschen.

Bei Rudzki Most treffe ich wieder auf eine Asphaltstraße, sehe auf meiner Wanderkarte, daß keine 300 m weiter ein Hotel an der Straße liegt. Das klingt für mich sofort nach Mittagessen. Einerseits weiß ich nicht sicher, ob ich in meinem Quartier heute Abend überhaupt was zu Essen bekommen werde (liegt fast alleine mitten im Wald und ist wohl eher eine Agroturystyka denn ein Hotel). Andererseits gilt die alte Wanderregel: Was drin ist, ist drin.

Und so sitze ich auf der Terrasse eines etwas schrägen Hotelklotzes, trinke sehr viel Mineralwasser, esse Żurek mit extra viel Fleischeinlage und insgesamt 2 Eiern drin, Pierogi mit Fleisch und Pilzen und bin danach so voll wie schon ewig nicht mehr. Ich schaue der Katze zu, die eben noch unter dem Gezeter des Koches aus der Küche geflitzt ist und jetzt entspannt unter dem Sonnenschirm auf dem Rasen liegt. Das Bild passt irgendwie zu meinem Tag.

Die letzten 1,5 h bis zu meiner Unterkunft bummeln sich so weg. Vorbei an einem traumhaften Forsthaus, alleine im Wald gelegen, daneben Wiese und Bach, es riecht leicht nach Holzfeuer im Kamin. Und auf der Zufahrt knirscht der Kies... Weiter hinten hat das Wandern im Wald und am Fluß ein plötzliches Ende, ist stehe auf der Asphaltstraße in der sengenden Sonne, Autos brausen links und rechts an mir vorbei und ich kann nichts anderes tun, als den Kopf zu senken, bis ich endlich auf die staubige Sandpiste zu meiner Übernachtungsstätte abbiegen kann.

Dort allerdings wird es plötzlich wieder schick. Ein altes Anwesen, offenbar in den letzten Jahren ständig erweitert. Pferdekoppel, Picknicktische, Wildgehege, Indianermuseum (?why?), ein vielversprechendes Żywiec-Schild über der Terrasse mit Holzmöbeln. Und ja, es gibt Essen, es gibt viele kalte Getränke, es gibt sehr schöne neue Zimmer mit viel Holz. Für 26 EUR inkl. Frühstück. Die Chefin des Hauses spricht perfekt deutsch, weil sie bis vor wenigen Jahren in Berlin gewohnt hat, sie zeigt mir noch das Schwimmbad und den Whirlpool und spätestens jetzt weiß ich, daß ich meinen eigentlich für übermorgen geplanten Pausentag vorziehen und noch eine Nacht länger hier bleiben werde.

Als ich nach Duschen und einem kleinen Nachmittagsschläfchen zum Essen runtergehe, bestelle ich doch nur eine Gurkensuppe, weil ich von meinem Mittagessen immer noch ziemlich vollgestopft bin. Von der Terrasse aus beobachte ich die Rehe am Waldrand, nippe an meinem belgischen Bier und sauge nebenbei das Internet leer.

Der Abend endet mit Touristenfernsehen: Ein älteres amerikanisches Ehepaar fährt im gemieteten Renault auf das Gelände und hält sofort alle auf Trab. Das Zimmer passt ihnen nicht, sie inspizieren diverse Alternativen, sind angesichts von "No CNN?!" entsetzt, erklären weit ausholend daß diese Zimmer für sie nicht akzeptabel sind ("These might be suitable for younger people!"), sie stehen noch ewig auf dem Parkplatz herum und lassen sich von der einzigen Englisch sprechenden Mitarbeiterin den Weg nach X erklären ("No, we need a landmark!") und den Weg nach Y ins Navi einprogrammieren, müssen alle nach ihren Namen fragen ("Paulina, you might be a distant relative! My husband's grandfather was baptized in this area. What's your last name again? You need to come visit us back home!") und -- ach... Es ist ein herrliches Schauspiel, während ich kichernd auf der Terrasse sitze und mein Bier trinke. Als die arme Paulina die beiden nach einer guten halben Stunde endlich losgeworden ist und erledigt die Treppe zur Restaurantterrasse herauf kommt, kann ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Sie auch nicht.

Eine knappe Stunde später sind Bill und seine Frau wieder da. Haben wohl doch nix Adäquates in Tuchola gefunden. Gibt nämlich nix, hihi... Sie belegen erst zwei getrennte Zimmer auf meiner Etage, später ist dann irgendwie nochmal Aufruhr und sie ziehen in das Apartment im 1. Stock um. Ich habe erlauscht, daß die beiden seit 3 Wochen auf Reisen sind -- geht das denn jeden Abend so?

Ich hingegen schmeiße mich glücklich aufs Bett und freue mich auf meinen freien Tag morgen. Von letzter Nacht trage ich noch ein echtes Schlafdefizit mit mir herum, also wird es nur eine Frage von Augenblicken sein, bis ich wegdöse.