Montag, 9. Mai 2016

Tag 17: In der Strafkolonie.

Tag 17/21: Mittwoch, 04.05.2016
9 h / 37 km
Sępólno Krajeńskie nach Zelt (Nähe Zamrzenica)

Es hat die Nacht durchgeregnet, das wird mir am Frühstückstisch klar. Auf dem Tisch nebenan liegt eine klatschnasse Tischdecke, aber die Ursache dafür wird mir erst klar, als mir selber das Wasser von der Decke des Wintergartens auf den Kopf tropft. Ok, dann wechsele ich eben den Platz...

Für die Vorfreude auf den heutigen Tag ist das Wetter natürlich nur mittelgut geeignet. Wieder habe ich kein festes Quartier für heute Abend und die Aussicht darauf, das Zelt im nassen Wald aufzubauen, ist nur mäßig anschmiegsam. Also suche ich mir noch schnell ein paar Alternativen raus, die ich zur Not abklappern könnte. Als da wären: Eine Campinghüttenvermietung am Fluß. Ein Feriendorf auf einer Halbinsel, das mehr oder weniger vom polnischen Justizministerium betrieben wird und dessen Personal offensichtlich durchgehend aus Strafgefangenen besteht, quasi ein Wiedereingliederungsprojekt (ach so, daher die Halbinsel...). Und eine private Zimmervermietung weiter östlich in einem Ort, der weder auf meiner Strecke noch in meiner groben Richtung liegt. Naja, wird schon irgendwie werden...

Erstmal kostet mich das Loslaufen in den Regen hinaus richtig Kraft. Im Ort stürme ich noch schnell den Polo Market und decke mich mit Getränken und Süßkram ein. Auf was Ordentliches für Abendessen und Frühstück für den Fall, daß ich doch im Zelt übernachten werde, verzichte ich aus Faulheitsgründen. Um den Murksfaktor weiter zu erhöhen, verläßt mich kurzzeitig mein Orientierungssinn und ich laufe erstmal einen unfreiwilligen Rundkurs komplett durch die Stadt, bevor ich endlich auf dem Feld stehe. Kragen hochgestellt, Scheuklappen auf und Vollgas. Strecke machen, was anderes hilft bei diesem Wetter sowieso nicht.

Zwei Stunden laufe ich im strömenden Regen. Über einsame Feldwege, vorbei an einzelnen Häusern, die jeweils 2-3 km von ihren nächsten Nachbarn entfernt sind. Durch erstarrte Dörfer, in denen sich nicht mal eine Gardine regt, während ich hindurch laufe. Jedesmal, wenn ich durch ein kleines Waldstück komme, schwillt der Regen zu einem ohrenbetäubenden Rauschen an, so daß der Schritt wieder raus aufs Feld eine Erleichterung ist. Nicht, daß es da weniger regnen würde -- es hört sich nur einfach nach weniger an.

Die einzigen Sitzgelegenheiten weit und breit sind die zwei Bänke vor der Marienstatue an der Kreuzung zweier leerer Landstraßen. Aber ich kann mich nicht dazu überwinden, im Regen sitzend Pause zu machen. Eine halbe Stunde später serviert mir das Glück dafür ein Bushäuschen, mit trockener Holzbank und perfekter Ausrichtung, die Wind und Regen aussperrt. Landschaftsmöblierung kann so schön sein (in diesem Fall übrigens powered by EU...)!

Am frühen Nachmittag wird es langsam trocken und irgendwann kommt die Sonne raus. Ich habe in den vergangenen Stunden im Scheuklappenmodus ordentlich Strecke gemacht, so daß ich zwar inzwischen 25 km gelaufen bin, meine Kraftreserven für heute sich aber noch lange nicht erschöpft anfühlen. Aufgehellt wird die Stimmung auch durch die Aussicht. Nach zwei Tagen, die ich mehr oder weniger durch unspannende Feldlandschaft gelaufen bin, sehe ich am Horizont endlich wieder richtigen Wald: Die Bory Tucholskie (die Tucheler Heide), ein riesiges Waldgebiet mit Nationalpark, Flußlandschaften, verwunschenen Seen und allerlei ähnlich schicker Dinge.

Der letzte Ort vor dem Wald ist Pruszcz, dort laufe ich erstmal an einem Sklep vorbei und drehe sofort wieder um. Du kaufst dir jetzt erstmal was Schönes ein. Eine halbe Stunde später sitze ich am Waldrand auf einem Picknickplatz, habe meine nassen Klamotten in die Sonne gehängt und esse wunderbar schwere Streuselteilchen mit Zuckerguß, gluckere 1,5 Liter des guten Mineralwassers mit extra viel Kohlensäure runter und kann kaum glauben, das dieser schöne Nachmittag noch zum gleichen Tag gehört wie der miese Morgen.

Das Abenteuer wartet währenddessen einige Kilometer weiter. Im Wald fließt die Brda, die sich immer wieder zu langgestreckten Seen ausweitet. Die einzige Möglichkeit weit und breit, auf die andere Seite zu kommen, ist eine alte Brücke mitten im Wald, über die früher mal eine Bahnlinie führte. Beruhigenderweise ist auf meiner Wanderkarte sogar ein Wanderweg über diese Brücke eingezeichnet. Ich folge dem Bahndamm, auf dem offenbar noch das alte russische Breitspurgleis liegt, verwuchert und mit Bäumen überwachsen. An der Brücke dann ein Zaun und ein einschlägiges Schild, dessen polnische Aufschrift ich mir nicht zu übersetzen brauche. Na super: Die nächste Möglichkeit, auf die andere Seite zu kommen, bedeutet mindestens 12 km Umweg -- und das auch nur, wenn die in meiner Karte eingezeichnete Kahnfähre auch wirklich existieren würde.

Ich bin ja sonst ein Schisser, aber dieses Verbotsschild muß leider ignoriert werden. Ich wuchte den Rucksack über den Zaun, lege eine kleine Kletterpartie an der Außenseite des Geländers hin und balanciere über die alten Eisenbahnschwellen auf die andere Seite. Die dortige Absperrung hat netterweise schon jemand für mich aus der Verankerung gerissen. Die Aussicht auf der Brücke allerdings ist fantastisch. Links und rechts nur Wasser, Ufer und Wald, soweit das Auge reicht. Keine Straße, kein Haus, nix.




Drüben angekommen kann ich einfach auf der alten Bahntrasse weiterlaufen, die Schwellen und Schienen wurden erst kürzlich mit schwerem Gerät herausgerissen. Währenddessen mache ich mir Gedanken darüber, wo bzw. wie ich heute eigentlich übernachten will. Das Wetter hat ja überraschenderweise nochmal vollkommen ins Positive gedreht (was für Zelten spricht), aber ich hätte Lust auf eine Dusche und ein richtiges Bett. Und auf eine Möglichkeit, meine Sachen richtig zu trocknen, die nach den 2 h Regen von heute Vormittag immer noch leicht matschig sind.

Ich fasse mir ein Herz und rufe in der Strafkolonie an. Die liegt auf einer Halbinsel, bis dahin ist es nicht allzu weit, aber wenn ich da jetzt umsonst hinlaufe und dann wieder den gleichen Weg wieder zurück muß, bin ich trotzdem fast eine Stunde unterwegs. Also lieber am Telefon zum Deppen machen. Allerdings - in der Strafkolonie antwortet der Anrufbeantworter und es hört sich nicht so an, als wären sie heute großartig auf spontane Übernachtungsgäste eingestellt. Man solle wohl ein Fax senden. Also weiter nach Zamrzenica. Irgendwie spüre ich, daß ich mir die letzten 4-5 km schon noch irgendwie aus den Kniekehlen kratzen werde, und Zamrzenica liegt sowieso insgesamt in der richtigen Richtung. Dann ist der Tag morgen halt etwas kürzer; soll mir auch recht sein.

Weil ich ein Planer bin, rufe ich auch bei der Campinghüttenvermietung an. Nach "Dzień dobry!" stockt das Gespräch auf beiden Seiten, die Dame am anderen Ende spricht keine Fremdsprachen und ich kein Polnisch. Sie hat wahrnehmbar wenig Spaß an der Vorführung, aber wir kommen wenigstens noch so weit, daß ich die Aussage "Domki tak!" aus ihr herauskitzele, was ich als "Campinghütte ja!" deute. Super!

Als ich gegen 17:30 in Zamrzenica einlaufe, fühle ich mich wie ein König. 8 Stunden Weg geschafft, davon 2 h im Regen, mir geht's eigentlich prächtig und da vorne wartet eine Übernachtung mit festem Dach auf mich. Vorbei an den 4 Jungs in meinem Alter, die schonmal mit Grill und Drinks den Abend einläuten. An der Rezeption: Niemand. Also zur Sicherheit erneut an der Tür gerüttelt und dann doch nochmal angerufen, irgendwas mit Recepja und Domki gestammelt, aber die Campingdame scheint das Ganze immer weniger zu amüsieren. Und so endet das Gespräch ergebnislos und unbefriedigend. Klang am Ende irgendwie nicht so, als würde sie sich jetzt auf den Weg machen, um mir eine Campinghütte zu vermieten.

Also die vier Jungs angequatscht. Sie sprechen sowohl Englisch als auch Deutsch und telefonieren für mich mit der Campingdame, quasi als Übersetzer. Keine guten Nachrichten: Mindestaufenthalt 2 Nächte. Auf einen kleinen Aufpreis will sie sich nicht einlassen. 2 Nächte sollen bezahlt werden, auch wenn ich nur 1 Nacht bleiben will. Das wären rund 300 PLN, also knapp 70 EUR für einen plötzlich gar nicht mehr so attraktiven Holzverschlag. Das wäre außerdem teurer als das Schloßhotel vor zwei Wochen, das ich mir inzwischen aus schlechtem Gewissen heraus als preisliche Obergrenze gesetzt habe. Und außerdem aus Prinzip: 300 PLN? Kommt gar nicht in die Tüte... Da suche mich dann doch lieber einen Platz zum Zelten.

Während ich noch ein wenig unschlüssig herumstehe, quatsche ich ein bißchen mit den vier Typen, sie fragen mich über mein Woher und Wohin aus. Dann drücken sie mir einen Bacardi-Cola in die Hand, damit ich nicht so auf dem Trockenen liege. Einen von der stärkeren Sorte. Ablehnen wäre Frevel, auch wenn mir gerade nicht (und eigentlich auch sonst nie) der Sinn nach Bacardi Cola steht. Es dauert 10 Minuten Smalltalk und sie bieten mir an, bei ihnen in der Campinghütte zu übernachten, im Erdgeschoß wäre noch auf dem Sofa Platz. Ich bin schwer gerührt, habe aber irgendwie das Gefühl, daß das too much wäre. Eigentlich will ich eher meine Ruhe und ich will den Jungs nicht ihren Abend verderben, indem ich sie entweder dazu zwinge, die Gespräche auf Deutsch/Englisch zu führen oder mich wahlweise still mit meinem Buch in der Ecke zu sitzen.

Also Rucksack auf und weiter. Auf der Karte hatte ich noch einen Biwakplatz für die Flußpaddler gesehen. Der ist dann am Ende doch etwas weiter weg als gedacht und etwas weniger schön als erhofft. Eigentlich zelte ich mehr oder weniger im hintersten Eck eines Waldparkplatzes. Unten am Fluß hätte es zwar noch ein paar nette Stellen gegeben, aber das scheint dem frisch umgepflügten Waldboden nach zu urteilen das Wohnzimmer der Wildschweine zu sein. Also verzichte ich lieber. Während ich das Unterholz am Ufer absuche (natürlich mit Rucksack auf dem Rücken, den läßt man nicht einfach irgendwo stehen), öffnet sich pikanterweise auf der anderen Seite des Flusses eine herrliche ausgedehnte Wiese in der Abendsonne, die sich perfekt zum Zelten eignen würde. Ein Traum sozusagen. Aber habe ich ein Boot? Nein. So bleibt für mich am Ende nur der Waldparkplatz. Die letzten 2 Stunden bis zum Sonnenuntergang hadere ich mit mir, ob ich meine Übernachtungssituation jetzt scheiße finden soll. Irgendwie ja - es nicht das, was ich mir vorgestellt habe. Viel zu nah an der Straße und den nächsten Häusern. Aber ich bin lange genug unterwegs gewesen und irgendwie ist es auch ok. Morgen früh baue ich mein Zelt ab, ziehe weiter nach Norden und alles wird gut.

Sonntag, 8. Mai 2016

Tag 16: Und jetzt bitte ein Stück Kuchen!

Tag 16/20: Dienstag, 03.05.2016
Grillhütte am See nach Sępólno Krajeńskie
6,5 h / 28 km

Die Nacht war kalt, wahrscheinlich knapp über Null. Im Schlafsack ging es einigermaßen, aber wenn mal aus Versehen der Arm raushing, wurde es doch empfindlich kalt. Sommerschlafsäcke haben halt ihre Grenzen. 
Gleichzeitig war es eine sehr ruhige Nacht. Ich habe mehr oder weniger durchgeschlafen, es gab keinen Besuch vom Förster F, obwohl ich eigentlich fast damit gerechnet hätte. Das Forsthaus liegt nur gut 3 km entfernt und hat einen direkten Weg zu dieser Wiese, wie mir ein Blick auf meine Karte verraten hat. Ich als Förster hätte gestern Abend (also dem Abend vor dem heutigen freien Feiertag) auf jeden Fall mal nachgeschaut, ob sich auf der Wiese die Dorfjugend niedergelassen hat. Andererseits - welche Dorfjugend? Hier gibt's ja nicht mal ein richtiges Dorf in der Nähe...

Die mühevoll austarierte Platzierung des Zeltes zahlt sich aus, noch während ich mich schlaftrunken im Schlafsack räkele, fallen die ersten Sonnenstrahlen auf das Zelt und füllen diese kleine Welt mit leuchtend gelbem Licht (dem Gelb des Innenzeltes...). Die Sonne trocknet Tau und Kondenswasser von ganz alleine, während ich auf der Picknickbank in den Morgen blinzele. Frühstück fällt mehr oder weniger aus, weil das Brot und der Käse von gestern inzwischen noch weniger einladend wirken. Ein Liter Wasser füllt den Magen ja auch irgendwie.

Es herrscht Feiertagsgelassenheit. In den Dörfern gehen die Menschen spazieren, es wird im Gemüsebeet gearbeitet oder über den Gartenzaun gequatscht. Zwei Rentner gehen zum Grillen rüber zu den Nachbarn -- er trägt den Grill, sie die riesige Salatschüssel. An der Bushaltestelle hinter Radonsk steht eine radelnde Familie mit Panne, Papa hat das Fahrrad auf den Kopf gestellt und repariert irgendwas, Mama und Kind sitzen entspannt in der Sonne im Gras. Wir unterhalten uns kurz auf Deutsch, zum Abschied ernte ich ein "Bon voyage!" und ich muß sofort an das Wandern in Frankreich vor vier Jahren zurückdenken.

Nur die ersten zwei Stunden des Tages hatte ich das Privileg, im Wald zu laufen. Der Großteil der heutigen Tour findet auf stillen Landstraßen statt, zwischen Feldern, Dörfern und kleinen Waldstücken. Das ist optisch abwechslungsreich, aber am frühen Nachmittag sehe ich mich nach einem stillen schattigen Platz für eine ausgiebige Mittagspause. Hinter dem letzten Bauernhof von Lutowo werde ich fündig: Es riecht zwar derbe nach Schweinegülle aus dem Betonreservoir nebenan, aber es gibt einige große Findlinge zum Sitzen im Schatten eines großen Baumes. Stiefel aus, Socken aus, Füße ins kühle Gras. Ich lese ein bißchen und schaue über die Felder in die Ferne, bis mir seltsamerweise der Geruch von Bärlauch in die Nase steigt. Wo zur Hölle soll denn hier am Feldrand Bärlauch wachsen? Ist doch eigentlich gar nicht die richtige Umgebung? Gleichzeitig passt das dazu, daß ich in den letzten Tag schon mehrfach Bärlauch in der Nase hatte, ihn aber trotz Suchen nicht finden konnte. Nach ein paar Minuten dämmert es mir: Wilder Schnittlauch. Sieht aus wie normaler Schnittlauch, schmeckt aber viel intensiver. Bärlauchiger. Ich pflücke mir ein Händchen voll und plötzlich ist das labberige Brot von gestern wieder sehr lecker.

Die letzte Stunde vor Ankunft laufe ich oberhalb eines Sees entlang, vorbei an frisch gepflanzten Einfamilienhäusern mit tief zerfurchten sandigen Zufahrten. An einem alten Bauernhof, dessen Bauer aufgrund des Feiertages in Anzug, Krawatte und Arbeitsjacke darüber seine Hühner füttert. Ich bewundere das Gartenhäuschen, das sich ein Typ aus dem Kofferaufbau eines LKW der norwegischen Post gebaut hat. Der Himmel zieht sich dabei langsam zu und verspricht Regen. Ich ziehe das Tempo an, weil ich mich auf mein Hotel, eine Dusche und was Ordentliches zu Essen freue. Kurz bevor ich ankomme, fallen die ersten Tropfen vom Himmel. 

Der Hotelparkplatz ist rappelvoll, das Restaurant ebenso. Der Laden liegt sehr schön außerhalb von Sępólno Krajeńskie im Wald und direkt am See, daneben Strand und Steg und Ausflugsflair. In mir wabert seit Stunden die Fata Morgana eines Kännchen Tees und eines riesigen Stück Kuchens zum Feiertagsnachmittag, aber das scheint ein singulärer Traum des wandernden Deutschen zu sein. Kuchen gibt's leider nicht und außer der klassischen Abendkarte ist hier nix zu holen. Also lieber rauf aufs Zimmer, und als ich gerade auspacke, beginnt draußen der Regen. Nachdem ich gefühlt das komplette heiße Wasser auf der ganzen Welt weggeduscht habe, liege ich eine Stunde in meinem frisch bezogenen Bett, durch die offene Balkontür strömt die kalte Regenluft von draußen herein. Zelten ist super, aber nach dem Zelten frisch geduscht in frischer Bettwäsche zu liegen ist einfach unschlagbar.

Ich gehe runter ins Restaurant und esse ein etwas karges Abendessen, von dem ich nicht satt werde. Der Regen prasselt währenddessen ruhig und stetig auf den Wintergarten des Hotelrestaurants nieder. Die Nachmittagsgäste sind alle verschwunden und ich bin wieder mal der einzige Gast einer mäßig gelaunten Kellnerin. Der Abend wird nicht mehr besser werden, also verziehe ich mich wieder aufs Zimmer. Und mit der gleichen Entspannung, mit der ich heute durch den Tag gelaufen bin, stellt sich nun der Regen auf eine lange Nacht ein.

Samstag, 7. Mai 2016

Tag 15: Zeltplatzsuche - lieber schön oder lieber schick?

Tag 15/19: Montag, 02.05.2016
Krajenka nach Zelt (Jez. Borowne bei Kujan)
6 h / 25 km

Draußen: Heldenwetter. Ich habe ein Lächeln der Vorfreude im Gesicht kleben, als ich den netten Gasthof verlasse und Richtung Ortszentrum zum Einkaufen ziehe. Eigentlich reicht mein Plan für heute nur genau bis zum Biedronka hinter der Kirche: Proviant einkaufen. Dann weiterwandern und mal gucken, wo ich heute landen werde. Als ich vor ein paar Tagen mögliche Übernachtungsangebote für diese Nacht gesucht habe, war das Internet absolut blank. Selbst so verzweifelt-zwielichtige Ideen wie "bis X wandern, dann mit dem Bus nach Y weiterfahren, um am nächsten Morgen wieder bei X anzusetzen" sind vorne und hinten nicht aufgegangen. Nach guten zwei Stunden Recherche hatte ich mich irgendwann gefragt, wozu ich eigentlich das Zelt dabei habe und es gut sein lassen.

Und so laufe ich nun los, mit ungewissem Ziel. Sonst stört mich diese Unsicherheit gewaltig, aber heute ficht mich das irgendwie nicht an. Und genau aus dieser Entspannung heraus kommt wohl auch das erwähnte Lächeln der Vorfreude. Wird schon werden...

Im örtlichen Biedronka nehme ich mir viel Zeit, eine nahrhafte und dennoch leicht zu tragende Auswahl für Abendbrot und Frühstück zusammen zu stellen. An der Kasse steht das Dorfmaskottchen und erzählt jedem und jeder eine Geschichte, von meiner verstehe ich außer der Anrede "Panie Turysto!" eigentlich nix.

Raus in die Alleen, raus in den Wald. Gleich im ersten Dorf hat sich die Dorfgemeinschaft einen schicken Grillplatz gebastelt, mit Badesteg im aufgestauten Fluß und allem Drum und Dran. Auch wenn ich aus Schlendergründen Lust darauf hätte: Für eine Pause ist es irgendwie noch ein bißchen zu früh. Mein Hochmut wird sofort bestraft: Gleich hinter der nächsten Kurve wird die Idylle sofort von Schweinemastställen und flachem Feld platt gemacht. Soweit das Auge reicht. Und das hält für einige Kilometer.

Dafür quatscht mich im nächsten Dorf Swieta ein alter Mann an, der eigentlich gerade seine Haustür repariert. Das Gespräch endet erfreulicherweise nicht in der klassischen sprachlichen Sackgasse, weil er ein paar sehr große Brocken deutsch kann. Ich erzähle ihm, was ich hier gerade so mache und ehe mich versehe, bin ich auf ein Bier eingeladen und wir sitzen auf seiner Veranda. Über mir hängen die Angeln im Gebälk, links der Verschlag mit den Hühnern und wir jeder mit einem kalten Żubr in der Hand. Wir unterhalten uns eine halbe Stunde, studieren dabei ausgiebig meine Karten und als die Ehefrau im Garten keifend die Wäsche aufhängt, weiß ich, daß ich mich besser verabschieden sollte. Fester Händedruck, zum Abschied erhalte ich die Anweisung: "Wenn du nächstes Mal in der Nähe bist, kommst du einfach direkt vorbei!"

(Pic unrelated.)
Wieder auf dem Feld muß ich erstmal meine Rührung verarbeiten. Ich bin in all meinen Jahren Wanderei noch nie von einem -- "Anwohner" zu irgendwas eingeladen worden. Normalerweise beobachten Anwohner argwöhnisch den Wanderer, der sich in ihrer Straße herumtreibt, durch ihr Dorf zuckelt und womöglich den Frieden stört! Und jetzt schlendere ich hier einfach so durch ein fremdes Land, bei dem manche nur an gestohlene Autos denken und werde zum Mittagsbier hereingebeten. Wenn das so weitergeht, wird sich Polen auf seinem schon speziellen Platz in meinem Herzen noch ganz schön viel breiter machen.

Weiter hinten im Wald stelle ich meinen Suchmodus auf "Zelten?" um. Die Karte verspricht linkerhand einen großen See, an dessen Ufer doch irgendwie... Ich stolpere über Wege und Waldschneisen, die in keiner Karte verzeichnet sind. Eine der Schneisen wurde umgepflügt und überall liegen Kartoffeln herum (mitten im Wald; ein sehr seltsamer Anblick...) -- das wird sicherlich kein Service für zeltende Wanderer sein.  Vielleicht eher ein Angebot an die örtliche Wildpopulation, doch bitte lieber tief im Wald zu speisen als auf Bauers Feld?

Mir hingegen steht nicht der Sinn nach Kartoffeln, sondern nach einem lauschigen Platz am Wasser. Der Weg führt mich durch sumpfige Auwälder und gefühlt ins hinterletzte Nirgendwo, aber der Wanderer sieht an den Pferdeäpfeln auf dem Weg, daß das hier keine Sackgasse sein wird. Immer wieder biege ich nach links ab und suche am Ufer nach einem passenden Platz für mein Zelt; wildromantisch isses ja, erinnert mich irgendwie an Schweden. Aber alle schönen Stellen am Wasser sind zu steil und alle flachen Stellen sind irgendwie zu sumpfig.

Voll im Suchmodus biege ich noch ein paar Mal um die Ecke und stehe plötzlich auf einer großen Wiese im Wald. Mit pompös-riesiger Grillhütte inkl. gemauerter Feuerstelle. Mit Landschaftsmöblierung zum Sitzen. Davor ein polnisches Schild, das Google mit "Verwendung der Einrichtung nur nach Zustimmung der Forstbehörde" übersetzt, aber ich kann ja Gott sei Dank kein Polnisch. Es gibt sogar ein putziges kleines Plumpsklo mit Herzchen in der Tür (was so dermaßen der Klischee-Vorstellung von einem Plumpsklo entspricht, daß ich mich am Ende ärgere, es nicht fotografiert zu haben). Look no further, weary Wanderer. Was willste denn noch! Naja, so riiichtig am See liegt die Wiese ja nicht, also muß ich doch nochmal gucken. Der Weg da hinten führt in einer schönen geschwungenen Kurve zum Wasser und am Ufer findet sich der nächste optimale Zeltplatz. Jetzt stehe ich also vor der Auswahl zwischen schön und schick. Schön praktisch auf der Wiese mit zum Sitzen und Feuerstelle oder schick romantisch am See mit Blick aufs Wasser? Der geneigte Leser mag sich anhand dieser fotografischen Aufnahmen ein ungefähres Bild von meinem Dilemma machen:



Ich entscheide mich aus praktischen Gründen für die Wiese: diverse Sitzmöbel und die Möglichkeit, das Zelt so aufzustellen, daß morgen früh die Sonne drauf scheinen wird, um die Nachtfeuchte zu trocknen. Ich weiß, die meisten hätten sich wohl für das Ufer entschieden, aber Pragmatismus wins. In der Abendstimmung ist das Ufer noch klar im Vorteil, aber es hätte den ganzen Morgen im klamm-feuchten Schatten gelegen. Und ich mittendrin.

Später am Abend mache ich mir ein flottes kleines Feuer, um meine eingekaufte Auswahl an nahrhaften und leichten Lebensmitteln zuzubereiten: Würstchen (die, wie ich leider erst nach dem Grillversuch merke, in einer seltsamen Plastikhülle zum Kunden kommen und obendrein grauenhaft schmecken), ein labberiges Stück Brot und ein Stück Brie, das schwer nach Fuß riecht und die Konsistenz von halbfestem Badewannen-Silikon hat. Glückwunsch; gute Auswahl! Ein Gute-Nacht-Bier habe ich mir nicht gekauft (zu schwer), also gibt's halt nen Schokoriegel als Dessert. Ein unbefriedigendes Mahl, was meine Laune allerdings nicht weiter beeinträchtigt. Dafür ist der gefundene Zeltplatz einfach zu schön.

Interessanterweise verfügt meine Waldwiese (ca. 5 km vom nächsten Ort mit ca. 10 Häusern entfernt) über mobiles Internet in LTE-Geschwindigkeit, aber nach nur 5 Minuten Surfen finde ich den Kontrast zwischen Technik und Aufenthaltsort so seltsam, daß ich das letzte Licht lieber mit Lesen verbringe. Als die Sonne untergeht, wird es richtig schnell richtig kalt. Die Vögel machen noch eine gute halbe Stunde nach Sonnenuntergang Krach, danach wird es innerhalb von Minuten totenstill. Ich krieche in meinen Schlafsack, lausche wieder viel zu lange viel zu ängstlich in die Nacht, ob da vielleicht Förster F, Wildschwein W oder sonstwas S zu hören ist.

Aber nichts dergleichen. Kurz nachdem ich das Licht ausgemacht habe, läuft mir noch eine Zecke über die Hand, die erstmal kaltgestellt werden will. Ich verfluche das Vieh, weil dadurch die Erinnerung an die zahlreichen Zecken, die ich heute von meinen Beinen verwiesen haben, wieder wach wird. Und in der Zeit bis zum Einschlafen ist jedesmal, wenn irgendwas juckt oder kratzt, dieselbe Routine fällig: Schlafsack auf, Lampe an, Stelle inspizieren, Schlafsack zu, Lampe aus, dreimal Umdrehen bis die richtige Position wiedergefunden ist. Aber abgesehen davon wird es eine ruhige, entspannte und leider auch kalte Nacht. Mein letzter Gedanke vor dem Einschlafen ist ein tiefer Seufzer der Zufriedenheit über diesen schönen Tag, die Freiheit der Ziellosigkeit, das Glück des tollen Zeltplatzes und die Vorfreude auf morgen.

Freitag, 6. Mai 2016

Tag 14: Immer geradeaus durch den Wald.

Tag 14/18: Sonntag, 01.05.2016
Piła nach Krajenka
6,5 h / 26 km 

Sonntag. Feiertag. Erster Mai. Piła ist wie ausgestorben, alle sind entweder in der Kirche oder noch im Bett. Statt dessen wurden über Nacht alle verfügbaren polnischen Flaggen zum Tag der Arbeit gehisst. Überall. Gerne auch 2-3 mehr pro Gebäude. Im Stadtpark stelle ich fest, daß die Verehrung für Jan Pawel II. (vulgo: Papst Johannes Paul II., also quasi mein Kindheitspapst) in Polen wirklich keine Grenzen kennt. Die Statue vor mir sieht fast so aus, als könnte er auch noch fliegen... Aber lassen wir das, ich bin schließlich in Polen zu Gast und halte lieber meine Schnauze.

Wieder habe ich Glück, auf der ungefähr 15 Jahre alten Wanderkarte ist ein markierter Wanderweg aus der Stadt raus eingezeichnet -- und den gibt's tatsächlich. Immer schön am Fluß entlang, elegant an Tennisplätzen und Kasernen vorbei. So langsam kommen doch die ersten Jogger, Angler, Spaziergänger raus, um den schönen sonnigen Tag zu würdigen. An der Umgehungsstraße ist der Weg unter der Brücke leicht überflutet, also hechte ich über die Leitplanken der Schnellstraße, überlebe das Manöver und bin wieder im Wald.

Der Tag ist gütig, am Fluß schlängelt sich ein kleiner Trampelpfad entlang. Nach einer guten halben Stunde biegt der Weg vom Fluß ab -- geradeaus geht es aber eigentlich immer noch auf verwunschenen Wegen weiter. Irgendwas in mir will eigentlich unbedingt weiter am Fluß wandern, aber ein Blick auf die Karte verrät mir, daß mich das nur ins Abseits bringen würde (daß diese verflucht ungenauen 1:100.000er-Karten doch nochmal zu was gut sind...).

Also Hirn ausschalten und geradeaus dem Waldweg folgen. Zur Feier des Tages grüße ich heute sogar den Radfahrer, der mir entgegen kommt (Rowerowe, rowerowe, rowerowe!). Das Universum dankt es mir mit einer höchst unerwarteten Picknickbank am Waldrand. Stiefel aus, Socken aus, Füße hochlegen. Die "Kabanosy z Wedzarni", die ich gestern bei Biedronka eingepackt habe, erweisen sich als köstlich-salziger Volltreffer und so sitze ich eine geschlagene Stunde in der Sonne, im Wind, im Wald und lese in meinem Buch. Währenddessen eiern ein paar Spaziergänger vorbei, die offensichtlich aus Gewohnheit zu dem Badesee nebenan wollen.

Irgendwann treibt es mich weiter, beim Umrunden des Sees stolpere ich über mehrere kleine Bunker aus dem 2. Weltkrieg, die im Wald versunken sind. Ob sie nun die nahegelegene Bahnlinie schützen sollten oder ob sie Teil des Pommernwalls waren, von dem ich abends im Internet zum ersten Mal lese, bleibt unklar. Ich peile statt dessen einen namenlosen Sandweg an, der schnurgerade durch den Wald nach Nordosten führt, und knipse mein Hirn aus, weil ich erst in 1,5 h wieder ans Abbiegen denken muß.

Zwischen Flurstück 110 und Flurstück 111 überrasche ich ein Reh beim Äsen und schaffe es sogar noch, die Kamera aus der Tasche zu pfriemeln. Das Tier erschreckt sich kurz darauf umso mehr, als es mich hinter sich bemerkt... Eine gute Stunde später kommt mir erstaunlichweise ein Jogger entgegen, mindestens 6 km vom nächsten Dorf entfernt. Wir heben wortlos die Hand zum Gruß und jeder zieht weiter seines Weges.

Für den nächstgrößeren See hatte ich mir eigentlich eine ausgiebige Pause vorgenommen. Erstens, weil sie fällig ist und zweitens, weil kurz nach dem See der Wald zuende ist und ich für den Rest des Tages auf der Straße laufen werde. Aber der Himmel hat sich pünktlich mit Wolken zugezogen und die zahlreichen Stege, die ich vom Hang oberhalb des Sees sehen kann, entpuppen sich als Verarsche. Die meisten sind längst verfallen und versunken, so daß ich mich mit meinen freundlich geschätzten 65 kg Gesamtgewicht (inkl. Rucksack) besser nicht auf die Planken wage. Die wenigen Stege, die nicht vermodert sind, wurden von ihren Besitzern gegen unrechtmäßige Nutzung gesichert, indem die Zugangsplanken entfernt und mit fetten Vorhängeschlössern irgendwo an einen Baum gekettet wurden. Na vielen Dank, ich hätte mich schwer auf ein bißchen Sitzen am Wasser gefreut. Dann fällt die Nachmittagspause eben aus. In Kombination mit dem plötzlich sehr grauen Wetter frustriert mich das dermaßen, daß ich mich wieder durchs Unterholz hoch zum Forstweg durchschlage und als ich aus dem Gebüsch trete, ist gerade der Jogger von vorhin an mir vorbeigelaufen, offenbar auf dem Rückweg. Er hat mich nicht bemerkt, ich bin aber nur 25 m hinter ihm und überlege für eine Sekunde, ob ich ihm noch schnell ein "Dzień dobry!" hinterher rufe, um ihn vollkommen zu verwirren.

Die nächsten zwei Stunden auf stillen Landstraßen sind reichlich eintönig. Hinter Głubczyn setze ich mich auf eine Bank neben dem Dorfsportplatz und trinke meine restlichen Wasserflaschen leer. Und es tut dabei verdammt gut, die nackten Füße in das kurze kühle Sportplatzrasen-Gras zu stellen. Während ich da so sitze, fällt mir auf, daß drüben hinter dem Hügel ständig geballert wird. Zuerst halte ich es für einen Jäger, dann eine ganze Jagdgesellschaft, dann wird aber so viel auf einmal geschossen, daß das auch nicht hinkommen kann. Neugierig mache ich mich wieder auf den Weg, der Krach kam sowieso aus meiner Richtung. Zwei Hügel weiter sehe ich 4x Dorfjugend (8-12 Jahre) am Wegesrand, die sich offensichtlich mit irgendwelchen Böllern die Sonntagslangeweile vertreiben. Wer nicht zwischen Jagdgewehren und Knallfröschen unterscheiden kann, war halt nicht beim Bund.

Als mich der Erste der Jungs entdeckt, ist Ruhe im Karton, sie schnappen sich sofort ihre Fahrräder und zuckeln ganz unschuldig den Weg entlang, so als wären sie den ganzen Tag nur spazieren gegangen. Ich beantworte betont freundlich ihr vierstimmiges "Dzień dobry!" und muß doch dabei schmunzeln...

Endlich laufe ich in Krajenka ein, hier habe ich ich im Netz ein kleines Restaurant ausfindig gemacht, das auch Zimmer vermietet. Da ich den Laden angesichts meiner kleinen Tourunterbrechung mit diversen Mails überzogen habe, sind die Mädels hinterm Tresen sofort sehr aufgeregt, als ihnen klar wird, daß da der ausländische Tourist vor ihnen steht, der kein Polnisch spricht. Noch bevor ich es mit einzelnen polnischen Vokabeln probieren kann, wird von irgendwo hinten aus dem Laden eine Kollegin geholt und alles wird gut. Mein Zimmer kostet weniger als 20 EUR, zum Abendessen bestelle ich Salat und Pizza, die beide so gigantisch reichhaltig (und gut) sind, daß der hungrige Wanderer zum ersten Mal seit Langem nicht aufisst. Auf meinem Dreibettzimmer schiebe ich mir das pritschenschmale Bett und andere seltsam platzierte Möbel noch ein wenig hin und her, bis die Einrichtung für mich passt. Draußen vor dem Fenster dröhnt die Landstraße noch ein wenig, aber als ins Bett gehe, höre ich so lange kein einziges Auto, daß ich beim Hinhören einschlafe.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Tag 13: Der bisher schönste Tag.

Tag 13/17: Samstag, 30.04.2016

Bahnhof Biała Pilska nach Piła 
6 h / 26 km


Urks, schon wieder dieser Bahnhof... Den Hauptbahnhof von Piła kenne ich inzwischen in- und auswendig, den Fahrkartenautomaten in der Wartehalle meistere ich lässig, ohne das Bedienmenü auf Englisch umzustellen. So viel Erfahrung mit Bahnreisen in Polen wollte ich eigentlich gar nicht haben.

Am Bahnhof und im Zug ohne Ende Radfahrer. Rowerowe, rowerowe, rowerowe. Mit Gepäck, Schlafsack und/oder Zelt obendraufgeschnallt. Es freut mich zwar außerordentlich, daß in Polen dieses Wochenende offensichtlich fleißig gezeltet und geradelt wird, aber nach den letzten einsamen Wochen  irritiert mich das dermaßen, daß ich das Internet nach irgendwelchen terminlichen Besonderheiten befragen muß. Und siehe da: Am Dienstag ist Nationalfeiertag, ich erinnere mich dunkel an diverse Straßen, durch die ich gegangen bin, die nach dem 3. Mai benannt wurden. Offensichtlich gibt es hier auch die gute Sitte des Kurzurlaubs mit Brückentag... Vielleicht liegt's aber auch am Europaradweg R1, der in Piła Station macht. (Einschub: Das Internet verrät mir am Abend, daß dieser Fernradweg auch über Berlin, durch Polen, Litauen und Lettland bis nach Estland verläuft. Kommt mir irgendwie bekannt vor...)


In Biała Pilska bin ich natürlich trotz aller Radler im Zug der Einzige, der auf den Bahnsteig hüpft, ich mache noch schnell ein Foto zum Abschied und stiefele los. Vorhin in Piła habe ich im Wind noch gefroren, aber hier in der Sonne wird's langsam richtig warm. Die erste halbe Stunde Weg ertrage ich mit Fassung, es ist derselbe Weg, den ich mich vergangene Woche mit wunden Füßen zum Bahnhof geschleppt habe. Allerdings: Heute geht sich das alles viel leichter, schöner, netter. Eigentlich so entspannt, wie ich von meinen früheren Reisen her kenne.

Am Gartenzaun vor dem hutzeligen Haus wartet schon neugierig das Großmütterchen (Kopftuch ja, Zähne nein, Verständigung bis auf ein gegenseitiges Lächeln schwierig). Jeder erzählt dem Anderen was, ich winke zum Abschied und ziehe weiter den Weg entlang. Der Holzstapel an der Kreuzung, auf dem ich vor einer Woche saß und mit mir haderte, ist verschwunden. Ich werte das als gutes Zeichen und biege nach rechts in den Wald ab. Ab jetzt komme ich wieder richtig voran bzw. - um den Spruch endlich mal einzubauen - ab jetzt darf der Weg wieder das Ziel sein. Und der Weg schnuppert! Nach warmer Waldluft, nach Sonnenstrahlen auf Kiefernnadeln und Waldboden, nur der Wind pfeift ab und zu kalt durch die Bäume und löscht für einen Moment alle Gerüche aus.

Später im Wald stolpere ich über die Reste eines alten Friedhofs, den wohl erst kürzlich jemand aus einer verwilderten Strauch- und Buschlandschaft ausgegraben hat. Auf den Gräbern stehen noch die frisch abgesägten Stümpfe von jungen Bäumen und ich versuche mir vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen haben muß, bevor alles freigeschnitten wurde. Nur einige wenige Grabsteine sind übrig geblieben, die letzten noch lesbaren Inschriften datieren zurück auf 1850 bis 1922. Primus, Muth, Hillgens. Auch hier: Deutsche Namen, Reste der Geschichte, über die der 2. Weltkrieg hinweg gefegt ist.

Ich sitze einige Zeit auf der Bank neben dem Friedhof, ziehe meine Stiefel aus und blinzele entspannt in die Sonne. Die Bank ist erfreulich breit, in jedem Fall breit genug für ein kleines Nickerchen.
Nichts ist zu hören außer dem Wind in den Bäumen und dem Summen einiger Insekten. Irgendwo da hinten am Waldrand muß so was wie eine Fischzucht sein, die aber natürlich auch eher wenige Geräusche macht und die Zeit vergeht, während ich sehr zufrieden mit der Welt bin. Da stört auch die kleine Zecke nicht weiter, der ich unmißverständlich klarmachen muß, daß sie an meinem Bein nix zu suchen/saugen hat.

Zur Feier des Tages gibt es heute sogar einen markierten Wanderweg, der mich angeblich bis nach Piła führen soll. Ich traue dem Frieden nicht so ganz, freue mich aber über die abwechslungsreichen Wege, über die ich geschickt werde.




Breite Forststraßen, matschige Feldränder, sandige Wüsteneien. Zwischen Pferdekoppeln, kleinen Häusern und alten Bahnhofsgebäuden durchgeschlängelt, am Waldrand in der Sonne Pause gemacht. Ich inspiziere meine Füße und könnte jubeln vor Glück, weil auch nach 4 Stunden Weg keine Blase und keine Druckstelle zu sehen ist. Und endlich ist es mal so warm, daß ich zum ersten Mal seit Wochen meine Jacke ausziehen kann.

Irgendwas ist anders. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was es ist, aber vielleicht komme ich langsam richtig in Polen an. In den ersten Wochen begleitete mich oft eine leichte Beklommenheit, wenn ich aus dem Wald trat und wieder in die Nähe von Siedlungen kam. Als hätte ich da nix zu suchen. Als wäre ich da unerwünscht. Als müsste ich mich rechtfertigen. Gestern Abend in Piła fühlte ich mich schon sehr zuhause in der Fremde. Heute schwimme ich in ruhigen Zügen durch die Landschaft, als wäre sie nur dazu da, um von mir durchwandert zu werden. Heute stehe ich vor schönen alten Backsteinbauten und fotografiere sie, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob jemand davon Notiz nimmt. Heute macht echt Spaß.

Auf Schleichwegen pirsche ich mich nach Piła hinein, vorbei an verfallenen Industrieanlagen mit vergangenem Glanz, durch Wohngebiete mit spielenden Kindern und grillenden Männern. Nur halb zufällig komme ich an der Straßenecke raus, an der ich schon letzte Woche bei Biedronka einkaufen war. Ich fülle den Rucksack lustvoll mit kiloweise Getränken: Mineralwasser mit extra viel Kohlensäure, dem guten Kefir aus Krasnystaw, Eistee und einem Bier für heute Abend. In meinem Apartment ziehe ich die Stiefel aus, inspiziere meine Füße (ohne Befund!), spüle mir unter der Dusche das Salz des Tages von der Haut und freue mich schon richtig auf die morgige Tour.

Endlich.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Neu verliebt - in Polen.

Freitag, 29.04.2016
Bahnfahrt Berlin - Piła

Mein Zug brennt. Nach der Nahverkehrs-Bummelzug-Pleite letzte Woche (Piła-Krzyz-Kostrzyn-Lichtenberg in 6,5 h) habe ich für die Rückreise nach Piła die vermeintlich mondänere Variante gewählt. Tatsächlich bietet der Berlin-Warszawa-Express (den man nüchtern auch EC45 nennen könnte) in den Waggons der PKP zunächst mal erfreulich viel Platz und Komfort.
Doof nur, daß zwischen Rzepin und Świebodzin erst irgendein Kokelgeruch zu riechen ist, dann ab und zu vor meinem Fenster irgendwelcher Qualm im Fahrtwind verwirbelt wird, mein Sitznachbar mich ein paar Minuten später auf die alarmierende Aussicht aus dem Fenster am Schluß des Zuges aufmerksam macht (fette Qualmwolke hinter dem Zug), der Schaffner kurz darauf im Laufschritt durch den Gang hechtet und diverse neugierige Fahrgäste beiseite schieben muß -- und am Ende der Zug auf freier Strecke eine Vollbremsung hinlegt. Irgendwas brennt unter meinem Waggon. Da ich kein Polnisch spreche, schaue ich entspannt dem Schaffner zu, wie er auf dem Bahndamm mitten im Wald den Inhalt zweier Feuerlöscher im Bereich Toilette/Türhydraulik entleert und weil die PKP nicht die Deutsche Bahn ist, wird danach die Fahrt in aller Ruhe fortgesetzt. Als der Zug in den Bahnhof von Poznań einfährt, haben wir nicht mal mehr Verspätung... I love PKP.

I hate Poznań Główny. Bei dem an sich einfachen Versuch, von Gleis 2 nach Gleis 6 zu wechseln, lande ich erst im Parkhaus, dann im Einkaufszentrum, dann im Busbahnhof. Irgendwann dann auch in der Bahnhofshalle. Es ist Freitagnachmittag und halb Polen will verreisen. Die Schlangen an den Fahrkartenautomaten sind um die 25m lang, vor den Fahrkartenschaltern nochmal deutlich länger. Angesichts einer vollen Stunde Puffer zu meinem Anschlußzug stelle ich mich vollkommen entspannt an einem der Automaten an, stürme später mit hunderten anderer Reisenden eine uralte Elektritschka und bin froh, mir für die nächsten zwei Stunden noch einen Platz zu sichern.

In Piła setze ich mich vor dem Bahnhofsgebäude in die Abendsonne und warte auf die Vermieterin meines Apartments, die angeboten hat, mich am Bahnhof einzusammeln. Es ist warm draußen, es fühlt sich an wie ein kleiner kühler Sommerabend. Später bekomme ich Lust auf Pizza, laufe quer durch die Stadt zur Tawerna Toscana. Für einen boshaften Moment fällt mir wieder ein, wie häßlich Piła eigentlich ist, überall nur Plattenbau und Mief.

Aber im Stadtpark sehe ich von Weitem Veranstaltungsaction, das Monsterhotel aus Sowjetzeiten sieht plötzlich im richtigen Licht gar nicht mehr so schlimm aus, im nächsten Park riecht es intensiv nach frisch gemähtem Rasen. Die Kellnerin in der Tawerna spricht besser Englisch als ich, und nach einem glücklichen Abendessen trete ich hinaus in die kühle Nacht. 

Durch die Stadt schallt laute Musik, im Stadtpark spielt eine Band auf der Bühne. Klingt wie die polnische Version von Depeche Mode, also interessant. Entgegen meiner Gewohnheiten laufe ich rüber, lausche und gucke ein bißchen und freue mich, in der Masse vollkommen unter zu gehen.


Im nächsten Sklep kaufe ich ein Gutenacht-Warka, begleitet von den kichernden Kommentaren der Jugend hinter mir in der Schlange, als ich versuche, ohne Polnisch der Dame an der Kasse klarzumachen, daß ich gerne eine Dose und keine Flasche hätte. Am Ende lohnt sich der Aufwand: Die Bierdose ist dermaßen kalt, daß mir fast die Finger abfrieren.

Auf dem Weg in mein Apartment muß ich daran denken, wie scheiße und wie schlimm ich Piła noch vor einer Woche fand. Als ich hier festsaß. Und nicht weiter wußte. Heute Abend gehe ich durch eine für mich komplett verwandelte Stadt, zärtlich freue ich mich darüber, daß anscheinend alle unter 40 heute Abend auf den Beinen sind. Auch wenn ich hier fremd bin, fühle ich mich heute Abend so, als würde ich ein Stück dazugehören.

Und das - fühlt sich verdammt richtig an.

Sonntag, 1. Mai 2016

Und wann geht es weiter?

Steht Gott sei Dank schon fest:

Am Freitag (29.04.) fahre ich wieder zurück nach Polen, um dann am Samstag meine Wanderung nach Tallinn an genau dem Bahnhof fortzusetzen, an dem ich vor einer guten Woche in den Zug gestiegen bin.

Da ich die Texte immer bewußt mit 5 Tagen Verzug veröffentliche, wird der nächste Wanderbericht am 

05.05.2016 (abends) 

erscheinen. 

(Ich weiß, die 5 Tage Time Warp finden manche Leser irgendwie doof, aber für mich ist dieser Puffer eine sehr große Entspannung. Es gab bisher zahlreiche Tage, an denen ich abends viel zu geschafft war, um noch 2-3 h an einen Text zu schreiben und Fotos hochzuladen. Die Möglichkeit, die Blogeinträge erst einige Tage später fertig zu stellen, läßt mir mehr Flexibilität und erhöht deutlich meine Schreibmotivation. Zudem ist die Internetsituation an manchen Tagen eher mau als schau -- und ich rechne damit, daß ich Baltikum manchmal auch einige Tage gar keinen Zugang zum Netz haben werde. Ich mache das halt einfach so! Zack!)