Samstag, 4. Juni 2016

Tag 38: 1.000 km voll.

Tag 38/47: Montag, 30.05.2016
Augustów nach Serwy
7 h / 26 km

So sieht Unlust aus: An einem furchtbar schwülen Morgen wach werden und quasi schon im Sitzen schwitzen. Die halbe Stunde Weg zur Postfiliale am Marktplatz von Augustów reicht völlig, um mich komplett zu erledigen. Aber das Paket mit den abgelaufenen Wanderkarten muß zur Post. Die inzwischen überflüssige Fleecejacke schicke ich gleich mit. Es ist so ekelig warm, daß mir selbst in der Warteschlange vor dem Schalter die Schweißperlen auf der Stirn stehen. Und dann macht die Tante hinter dem Tresen auch noch Streß, weil ich keine polnische Absenderadresse angegeben habe. "Hat bisher auch immer geklappt!" würde ich ihr gerne in ihr schlecht gelauntes Gesicht brüllen, aber ich kann ja Gott sei Dank kein Polnisch.

Raus aus der Stadt ist wie immer die größte Strafe. Aber die habe ich nach ganzen zwei faulen Tagen vielleicht auch ein bißchen verdient. Die Strecke heute ist mir ein bißchen unheimlich, weil ich viele Ecken schon vom Autofahren kenne. Hier, der Kreisverkehr. Die Brücke über den Kanal mit der schrägen Fußgängerschnecke obendrüber. Da die Abzweigung, bei der ich auf dem Weg nach Litauen immer auf die Nebenstrecke durch den Wald abgebogen bin. Eigentlich fädele ich mich den ganzen Tag mal links, mal rechts entlang der DK 8 in Richtung Vilnius.

Die Industriegebiete von Augustów ziehen sich extra-lang und es dauert ungefähr bis Mittags, bis ich zum ersten Mal so richtig aus der Stadt raus bin. Zum Trost gibt es aber gleich einen Mini-Strand am glasklaren See, eine Wiese zum Rumlungern und herrlich kaltes Wasser. Und Wind! Mittagspause.

Ungefähr da, wo der polnische Grenzschutz (Straż Graniczna) sonst immer steht und kontrolliert, treffe ich wieder auf die DK 8, erkenne die Brücke zwischen den zwei Seen mit der alten Schleuse dazwischen und spiele kurz mit dem Gedanken, in der Bar neben der Straße einen kleinen Mittagsimbiß zu snacken. Aber irgendwie ist es einfach zu warm, um Lust auf Essen zu haben.

In der Ferienhaussiedlung nebenan verlaufe ich mich erstmal heillos und latsche am Ende den ganzen Weg zur Straße sinnlos zurück. Als ich endlich den richtigen Waldweg finde, lockt schon ein kleines Schild mit einem 2 km entfernten "Pole biwakowe" am See. Der ist in meiner Karte auch eingezeichnet. Vor meinem geistigen Auge formt sich schon das Bild von einer sanft ansteigenden Wiese am See, mit einem schattigen Plätzchen für mich und meine Mittagsrast.

Aber ich finde im Wald keinen Zeltplatz, keine Wiese, noch nicht mal einen Trampelpfad runter zum Wasser. Nur Sonne, Hitze, Staub -- und Bremsen. Als ich frustiert stehen bleibe und den Rucksack absetze, um wenigstens mal zwischendurch etwas zu trinken, habe ich sofort zwei von diesen Biestern am Hals. Sie sind Gott sei Dank eher auf meinen Rucksack scharf und daher ganz gut zu erlegen, aber jetzt weiß ich, daß die vermeintlichen Wespen, die in den letzten Tagen immer wieder so zackig ihre Kreise um mich herum gezogen haben, in Wahrheit Pferdebremsen sind. Und die sind auch recht schmerzhaft, wenn ich mich an meinen letzten Biß vor zig Jahren erinnere.

Mein Forstweg führt träge durch den Wald und glüht in der Sonne. Ich hatte mich schwer auf eine Pause am Wasser gefreut, statt dessen sitze ich vollkommen erledigt für eine gute halbe Stunde auf einem Baumstumpf am Wegesrand, im Rücken den Zaun der Kiefernschonung. Hatte ich den heutigen Tag nicht eigentlich als "recht kurz, Kategorie Spaziergang" eingeordnet? Vielleicht von der Entfernung her, aber jeder Kilometer ist heute hart erarbeitet. Ich weiß gar nicht, wie warm es wirklich ist (wahrscheinlich sind es maximal 27 oder 28°), aber die Luft ist wie dicker Sirup und macht das Atmen zu einer Zumutung. Am Himmel überall Schauer- und Gewitterwolken -- von mir aus dürfte es jetzt gerne regnen, ich hätte überhaupt nichts gegen eine kleine Abkühlung.

Noch nicht mal eine Stunde nach meiner letzten Rast habe ich die Schnauze voll und knalle mich kraftlos einfach neben dem Weg ins Gras. Wenigstens ein bißchen Schatten. Ich suche aus meinem Rucksack die letzten Überreste meiner Getränke-Einkaufsorgie von gestern heraus (Kefir und Schweppes Lemon), trinke alles weg und sitze trotzig mit meinem Buch im Schneidersitz so lange im Gras, bis mir langsam wieder kalt wird. Inzwischen haben auch die Ameisen meine leeren Getränkeflaschen gefunden und ich bin kurz versucht, meinen von Ameisen übersäten Müll einfach getreu dem polnischen Vorbild im Wald liegen zu lassen. Grummelgrummel, kommt überhaupt nicht in Frage. Also wische ich die leeren Plastikflaschen wieder ameisenfrei, bevor ich sie im Rucksack verstaue und denke mit dabei: "Deutscher geht's echt nicht..."

Seit ein paar Kilometern laufe ich angeblich parallel zum "Kanal Augustówski", den die Polen schonmal vergeblich als Weltkulturerbe anmelden wollte. Seit ein paar Kilometer habe ich aber außer Bäumen auch nix von diesem Kanal gesehen, also ist es mir irgendwann auch schon egal, als ich bei Sucha Rzeczka wieder auf Asphalt treffe. Am Himmel nach wie vor überall Gewitter und ich bin vollkommen entsetzt, wie langsam ich heute vorangekommen bin. Als hätte das schwülwarme Wetter mein Lauftempo um gefühlt die Hälfte verringert.


Auf der Straße nach Serwy mache ich die 1.000 km seit Berlin voll, den Punkt hatte ich mir heute früh extra auf der Karte ausgemessen. Eigentlich ein festlicher Moment, aber ich bin gerade so erledigt, daß ich mich echt zusammenreißen muß.

Die letzte Stunde bis zu meinem Etappenziel kann ich rechts neben mir im Osten die nächste Gewitterfront sehen. Es donnert schon fleißig und mein Bauch sagt mir: "Das wird knapp..." Hinter mir donnert es, neben mir donnert es und ich ziehe schon unwillkürlich den Kopf etwas ein, aber ich schaffe es trocken bis zu meinem Hotel. Als ich auf den Parkplatz laufe, fallen die ersten Regentropfen (ich kann mir angesichts des geilen Timings die Becker-Faust nicht verkneifen) und noch bevor ich meinen Zimmerschlüssel in der Hand habe, geht draußen die Welt unter. Glück gehabt! Das hätte besser nicht klappen können!

Ich bin heute der einzige Gast in diesem riesigen Kasten, aber ich kriege trotzdem ein Abendessen. Die furchtbar schüchterne Kellnerin führt mich in einen riesigen Speisesaal mit rotem Teppich, wir verhandeln kurz auf Teil-Polnisch meinen Getränkewunsch und als sie in Richtung Bar verschwindet, drehe ich erstmal heimlich die plärrende Stereoanlage leiser, die mich mit Musik unterhalten soll. Für den Gast nur das Beste. Gerade als ich denke, die Kellnerin wird nie kommen, um mir eine Essensbestellung zu ermöglichen, landet eine Suppe vor mir. Erbse? Dann ein Schnitzel mit Kartoffelecken und einem ziemlich geilen Krautsalat. Ungefähr hier fällt mir wieder ein, daß ich seit mindestens 4 Abenden nichts (im polnischen Sinne) Ordentliches gegessen habe. Und zum Abschluß überrascht mich noch ein Stück Nußkuchen. Nichts davon habe ich bestellt, aber alles brav aufgegessen.

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