Montag, 6. Juni 2016

Tag 40: Lietuva! -- Und... Danke, aus!

Tag 40/49: Mittwoch, 01.06.2016
Giby (PL) nach Vytautai (LT)
6 h / 25 km 

Das Frühstück ist genau mein Ding. Rührei mit geräuchertem Speck, Tomaten mit ein paar Zwiebelringen und ähnliches Glück. Inzwischen habe ich mich vollkommen an die polnische Art zu frühstücken gewöhnt und vermisse Marmelade & Co. kein bißchen. Als ich schon pappsatt auf meiner Bank sitze, erscheint Marian noch mit einer Brötchentüte und Aufschnitt-Nachschub: "Für die Straße!" Ich hab zwar im Moment null Lust darauf, schmiere mir aber trotzdem pflichtbewußt noch eine Wegzehrung, weil ich jetzt schon ahne, daß mich dieses Brötchen heute Abend vor einem leeren Magen bewahren wird. Ich habe im Netz für heute zwar eine Übernachtungsmöglichkeit gefunden, die allerdings von Anfang an klargestellt hat, daß weder Abendessen noch Frühstück zu haben sind.

Zum Abschied kriege ich noch ein Stück vom frischen Šakotis geschenkt, eine Art Baumkuchen, der auf dem drehenden Spieß in einem speziellen Ofen hergestellt wird. Ein tierischer Aufwand, aber jetzt weiß ich immerhin auch, was gestern Abend beim Abendessen so verführerisch nach Kuchen gerochen hat. Offensichtlich ist die uralte Großmutter aus dem Nachbardorf vorbeigekommen, um bei Marian und Teresa in stundenlanger Arbeit den Kuchen zu gießen. Zusammen mit dem Brötchen sollte das meine Abendsättigung auf jeden Fall sichern. Zitat Wikipedia: "30-50 Eier auf ein Kilogramm Mehl"...

Heute geht's rüber nach Litauen. Also heißt es ab sofort: Umgewöhnen und die eingeübten polnischen Vokabeln austauschen. Ich bin heilfroh, daß meine Litauisch-Lehrerin nicht neben mir steht und verzweifelt die Hände über dem Kopf zusammenschlägt, während ich im Geiste mein schwer eingerostetes Grundgerüst des Litauischen wieder hervorkrame. Aš esu iš Vokietija?-jos?-joje?

Nur ein paar hundert Meter hinter dem Haus vom Marian und Teresa biege ich von der DK 8 ab in Richtung Berzniki. Auch diese Kreuzung und die Straße kenne ich, sie führt später auf staubigen Schotterwegen zu einem halbwilden Grenzübergang im Wald. Genau hier habe ich mich "aus Abenteuerlust" schon mal über die Grenze geschlichen, jetzt schmunzele ich darüber und gehe ganz entspannt eine ganz normale polnische Nebenstraße entlang. Der Weg windet sich vorbei an einsamen Bauernhöfen und verfallenden Ferienanlagen am See, die dank EU-Fördermitteln ihr eigenes Mindesthaltbarkeitsdatum um 2 Jahre überlebt haben.

Auf einer kleinen Brücke mitten im Wald mache ist Rast, während der Wind die Mücken schön auf Abstand hält. Unten im glasklaren Wasser sehe ich tonnenweise kleine Fische, Muscheln und Wasserpflanzen. Hier ist die Welt offenbar noch in Ordnung. Angeblich soll man hier auch paddeln können, aber ich unterstelle einen massiven Mangel an Outdoor-Romantik. Schilf, Gestrüpp, Mücken, mehr Sumpf als See. Da gehe ich lieber zu Fuß. Durch den Wald!

Eine Stunde später treffe ich wieder auf die bekannte Forststraße, die rüber nach Litauen führt. Aber heute ist sie nicht ganz meine Richtung, ich will eher nach Nordosten. Also überquere ich die Straße, verschwinde im Dickicht, schlage mich auf schmalen Fahrspuren durch den Wald und orientiere mich ernsthaft eher nach dem Sonnenstand als nach der Karte. Das klappt erstaunlich gut und eine knappe Stunde später lande ich sogar ungefähr dort, wo ich rauskommen wollte.

Hinter einer Kurve sehe ich einen Schilderwald neben der Schotterstraße, das muß die Grenze sein. Auf den letzten Metern bekomme ich dann doch feuchte Augen: Ich habe Polen einmal komplett durchquert und bin stolz wie Bolle. Seit grob 7 Wochen bin ich jetzt unterwegs und da vorne endet dieses große und großartige Land, das ich in Kostrzyn betreten habe. Damals war noch zaghafter Frühling und alles sah halt irgendwie so alltäglich wie Brandenburg aus. Jetzt ist gefühlt der Sommer in voller Fahrt unterwegs, da vorne beginnt das gute kleine Litauen, und alles fühlt sich auf eine sehr schöne Weise fremd und aufregend an.  -- Ich schmunzele über die Unterschiede der beiden Staaten in der Wahrnehmung der EU: Auf den polnischen Schildern prangt trotzig nur das Staatswappen in rot und weiß, die litauischen Schilder tragen alle auch den EU-Kranz der gelben Sterne auf blauem Hintergrund. 


An der Landschaft ändert sich nicht viel, nur Nuancen. Es gibt plötzlich keine schattenspendenden Bäume mehr neben der Straße, nur noch Gebüsch. Die Hunde auf den Bauernhöfen laufen häufiger wieder frei durch die Landschaft. Die ausgedienten Autos (fast ausschließlich alte Audi- oder VW-Modelle) bleiben wie in den USA einfach hinter der Scheune stehen; Platz ist ja genug. Die sandigen polnischen Rumpelwege durch den Wald werden zu breiten Schotterstraßen, auf denen pro Stunde zwei Autos mit riesiger Staubwolke und mordsmäßiger Geräuschkulisse dem Horizont entgegen brettern. Aber auch hier in Litauen hält wie schon zuvor in Polen jedes vierte Auto an und fragt, ob ich mitfahren will.

Die letzten zwei Stunden schwitze ich mir die Seele aus dem Leib, weil mein Freund der Wind plötzlich weg ist und ich statt dessen zwischen den staubigen Feldern in der Sonne brate. Meine Übernachtung taucht plötzlich linkerhand auf, obwohl ich noch gar nicht damit gerechnet hatte, die Gastgeberin spricht perfektes Englisch und im Haus ist es wunderbar kühl. Ich springe zuerst in den hauseigenen See, der noch frühsommerlich fröstelig ist und schreibe dann eine kleine Getränke-Einkaufsliste, weil Reda angeboten hat, mir etwas aus dem Supermarkt mitzubringen.

Zum Abendessen gibt es den guten litauischen Kefyras, das Wegzehrungsbrötchen und den Baumkuchen von Marian und Teresa und ich sitze auf der Bank im Garten und gucke in den Abend hinein. Ein Jogger läuft nach links vorbei, offensichtlich ist er gerade erst losgelaufen: Trotz der hohen Temperaturen ist kein Tröpfchen Schweiß auf seinem T-Shirt zu sehen. Zwanzig Minuten später kommt er rechts über den Hügel zur zweiten Runde, das T-Shirt hängt ihm inzwischen lose und schweißgetränkt um den Hals. Bei seiner dritten Runde hat er das Shirt nur noch in der Hand und ich frage mich, was wohl in der vierten Runde kommen mag...?

Und bei aller Ruhe, Entspannung und Stolz über die vergangenen Wochen treffe ich hier endgültig die Entscheidung, meine Reise demnächst zu beenden. Ich werde nicht bis Estland weiterlaufen, sondern hier in Litauen noch zwei Tagesmärsche bis Druskininkai hinlegen, mich dort ein Wochenende lang an den Thermalquellen erfreuen und dann nach Berlin zurückkehren.
Mir ist in den letzten zwei Wochen massiv die Motivation verloren gegangen, auch wenn ich mich bemüht habe, das in meinem täglichen Geschreibsel möglichst nicht durchscheinen zu lassen. Viele der vergangenen Tage liefen nach demselben Schema ab: Aufstehen - Frühstücken - Loslaufen - den Tag/die Strecke erledigen - Ankommen - Abendessen - Schlafen. Eine sich endlos wiederholende Abfolge, die viel zu oft sich selbst genug war.

Ich fühle mich seit zwei Wochen ausgezehrt und kraftlos. Die Lust auf Abenteuer, Entdecken und Erleben ist zuletzt viel zu oft der Frage gewichen, wie ich am schnellsten meine Tagesetappe hinter mich bringe. Und ich merke: Die Luft ist raus. Nach den erreichten 1.000 km vorgestern, nach der erreichten Grenze zu Litauen heute. Ich wüßte gerade nicht, worauf ich mich in den nächsten Wochen noch freuen wollte, obwohl es dazu eigentlich mehr als genug Gelegenheit gäbe. Diese Lustlosigkeit läßt mich im Moment erheblich daran zweifeln, ob ich die kommenden Wochen wirklich genießen könnte. Und eigentlich habe ich mich viel zu sehr auf Litauen und den Rest des Baltikums gefreut, als daß ich mit meiner vorherrschenden Haltung von "Weiter! Durchhalten! Ankommen!" weitermachen möchte. 
Deswegen werde ich mir das Baltikum aufsparen, für das nächste Mal. Der litauische Kurort Druskininkai ist für mich auch ein schönes Ziel, quasi ein natürliches Ziel. Hier habe ich schon mehrmals Urlaub gemacht und die Region immer als Kleinod empfunden. Also werde ich die Tour schon in zwei Tagen nach ca. 1.100 km beenden -- an einem Ort, an den ich immer wieder gerne zurückkehren werde. Und der auch gut als Startpunkt für die Fortsetzung der Tour taugt -- denn die Centmünze, die ich an meinem ersten Tag vor den Toren Berlins gefunden habe, wartet bis dahin immer noch darauf, in Tallinn in die Ostsee geworfen zu werden.


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