Dienstag, 7. Juni 2016

Tag 41: Straßentag. (Also Schotter.)

Tag 41/50: Donnerstag, 02.06.2016
Vytautai nach Leipalingis
6 h / 30 km

Und wieder raus auf die Straße. Auf den ersten paar hundert Metern überholt mich ein altersschwacher Tankwagen aus Sowjetzeiten, in bezaubernder blau-gelber Lackierung. Sofort muß ich wieder daran denken, daß dieses europabegeisterte Land tatsächlich mal Teil der Sowjetunion war -- eine schräge Vorstellung. Manche Details sind vielleicht hängen geblieben, wie die Vorliebe für leicht salziges Mineralwasser. Oder die abwechselnd schwarz und weiß gestrichenen Bordsteine an den Bushaltestellen. Und eben ein paar ganz wenige alte LKW und Landmaschinen, die irgendwo vergessen herumstehen.

Wieder ist der Tag schon am Vormittag warm und stickig. Die Schotterstraße nach Petroškai führt durch den Wald und fühlt sich an wie eine Sauna. Die Feuchtigkeit der Nacht liegt als heißer Dampf zwischen den Bäumen. Aber nur 20 m weiter die Straße runter kommt vielleicht schon wieder eine Wolke aus kühler schattiger Luft, so daß ich in diesen Wechselbädern quasi schonmal Wellness üben kann. Das Dorf selber zieht sich schier endlos an der Straße entlang, links neben der Straße verläuft ein gepflasterter Fußweg, den wohl schon seit Jahren niemand mehr nutzt. Viele Häuser stehen leer (oder wirken zumindest so), kein Laden, nix. Nur rechts die Bauernhöfe und links die Wohnhäuser.

Der nächste große Ort kommt mir bekannt vor. Veisiejai. Kenn ich, kann ich. Liegt auch an meiner klassischen Autostrecke nach Druskininkai. Die Stadtoberen haben sich richtig Mühe gegeben, gegenüber vom Forstamt gibt es einen Park mit hölzerner Schnitzkunst, einem Teich, skandinavisch-akribisch gemähtem Rasen und: Schatten. Ich setze mich ins Gras, gucke dem Verkehr auf der Landstraße zu und würde als Krönung so gerne den 30 m hohen Feuerwachturm nebenan besteigen. Aber natürlich ist alles verrammelt und verriegelt, eingezäunt noch dazu. Doch der gute Eindruck bleibt. Vor dem Rathaus dann der nächste detailliert gestaltete Park, es gibt sogar ein Tourismusbüro (bzw. ein Schild, das auf ein Tourismusbüro hinweist, weiter bin ich der Sache nicht auf den Grund gegangen).

Mir aber steht der Sinn nach einer Rast am See. Die nächste Stunde wird fieses Kilometerfressen auf der Straße, aber die Karte macht mir auch Hoffnung darauf, daß ich dann vielleicht als Belohnung die Mittagshitze am Wasser verbringen könnte. Also nehme ich die Beine in die Hand und versuche, es hinter mich zu bringen. Die glühende Straße in der Mittagssonne schlucke ich brav, aber die ersehnte Belohnung bleibt aus. Statt See-Idylle gibt's nur Privatgelände, Zäune oder Gestrüpp. Ich finde nur einen einzigen winzigen Zugang zum Wasser, gerade mal 20qm groß: Von einigen Kindern aus den umliegenden Häusern belegt. Ich verzichte dankend darauf, mich dazuzulegen und ziehe statt dessen weiter nach Osten.

Immerhin finde ich eine halbe Stunde später doch noch einen schönen Platz. Oben auf einem Hügel, der Weg verläuft in einer schattigen Allee, der Wind kommt angenehm kühl von rechts und die fleißigen Bauern haben die größten Findlinge aus dem Feld geholt und schön in den Schatten neben die Bäume gelegt. Einen besseren Sitzplatz werde ich heute sicher nicht mehr finden, also nutze ich ihn. Ausgiebig.

Endspurt für heute. Daß es in Leipalingis einen Supermarkt gibt, wußte ich schon vorher. Aber ich hatte auch auf ein Café oder Restaurant gehofft, irgendwas wo ich mir nochmal ordentlich den Bauch vollschlagen könnte, bevor ich heute Abend wieder nichts zu Essen bekomme. Aber der Pizzaladen, den es wohl mal gab, gibt es nicht mehr -- dann kaufe ich halt den Supermarkt leer.
Als ich wieder vor der Tür stehe, könnte ich mich ohrfeigen für diesen unüberlegten Kaufrausch. Und es passiert mir jedesmal aufs Neue! Der Rucksack wird temporär um ca. 6 kg schwerer, weil ich neben Mineralwasser und Eistee auch noch einige Biere für heute Abend, zwei Luxus-Dosen Cola, zwei Gurken, ein paar getrocknete Mini-Würste und einen Liter Kefyras eingepackt habe. Den Preis für so viel unüberlegtes Raff-Kaufen zahlt mein Rücken auf dem Rest der heutigen Etappe.

Hinter dem Schrottplatz links auf die Schotterstraße abbiegen, so hatte ich es mir gemerkt. Alles Standard. Genauso wie  inzwischen auch meine Reaktion zur Gewohnheitssache geworden, wenn ich Autos von hinten kommen höre: zwei Schritte zum Fahrbahnrand und ganz an die Seite quetschen. Geht quasi automatisch und funktioniert auch immer gut, wenn die Autos gleichzeitig auch etwas ausweichen. Aber jetzt überholt mich ein weißer Audi mit Vollgas auf der Schotterstrecke, mit so wenig Abstand, daß ich seinen Außenspiegel an meinem Arm vorbeisausen hören kann. Dabei hätte er genug Platz gehabt, er ist schließlich das einzige Auto auf zwei Kilometern. Das war Absicht! Ich bin plötzlich so sauer, daß ich wahrscheinlich mit Steinen geworfen hätte, wenn vom Auto nicht schon längst nur noch die Staubfahne in der Luft übrig wäre... 

Grummelnd finde ich meinen Weg zwischen zwei Bauernhöfen hindurch, auf denen sich wohl in den letzten 50 Jahren kaum etwas verändert hat. Ich komme an der Landstraße nach Druskininkai raus, direkt neben dem seit Jahren leer stehenden Hotel Erebuni, das schon beim Vorbeifahren Mitleid erregt. Zu Fuß macht es auch keinen besseren Eindruck.

Mein Quartier für heute Abend ist irgendwo da drüben am See, also biege ich in die erstbeste Einfahrt und lande auf einem Campingplatz. Die Richtung stimmt, aber irgendwie bin ich hier dann doch falsch. Meine gebuchte Unterkunft ist offensichtlich die Villa aus Holz mit dem raspelkurz manikürten Rasen und dem mannshohen Holzzaun drumherum. Als ich gerade auskundschafte, wie ich wohl eine Abkürzung auf das Nachbargrundstück finde, kommen mir die Betreiberin des Campingplatzes und ihre Tochter entgegen, ich schaffe auf Litauisch immerhin eine ordentliche Begrüßung und die Aussage, daß ich leider nur wenig Litauisch spreche. Die beiden freuen sich trotzdem wie Bolle, daß ich ein paar Sätze ihrer Sprache herausholpern kann, aber für die Antwort auf die Frage, wo ich denn bitte überhaupt Litauisch gelernt hätte, wechsele ich doch wieder mit "Sorry, do you speak English?" in altbekanntes Fahrwasser. Verdammte Gewohnheiten! Es hätte natürlich heißen müssen: "Atsiprašau, ar jūs kalbate angliškai?" Ich kann das eigentlich noch, aber der Erstversuch auf Englisch hat sich in den letzten Wochen einfach so eingebrannt. Die Tochter zeigt mir einen schmalen Durchgang zum Nachbargrundstück am Ende des Zaunes und so lege ich bei meiner Zimmervermietung wohl einen etwas seltsamen ersten Eindruck hin, als ich quer durch den Garten angedackelt komme.

Aber alles ist entspannt, ein junges Paar betreibt den Laden und vermietet eigentlich hauptsächlich en gros an Hochzeiten und ähnliche Feiern. Meine Gastgeberin hat einige Jahre in den USA gelebt und ist angesichts meines Rucksacks neugierig auf mein Woher und Wohin. Wir unterhalten uns noch lange in der kühlen Eingangshalle des Hauses, später setze ich mich mit meinem Buch auf den Steg und genieße, daß der Abend langsam auch wieder kühle Luft mit sich bringt. Von den frisch eingekauften 6 kg Getränken und Lebensmitteln schaffe ich natürlich trotz forciertem Bierkonsum nur einen Bruchteil und freue mich schon inständig darauf, sie morgen mit mir über die Ziellinie schleppen zu dürfen...

1 Kommentar:

  1. Lieber Kilian, es hat wieder viel Spaß gemacht, Deine Wanderung und erfrischenden Berichte zu verfolgen.
    Danke LG Figefü

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