Sonntag, 5. Juni 2016

Tag 39: Und wieso werde ich nicht kontrolliert?

Tag 39/48: Dienstag, 31.05.2016
Serwy nach Giby
5,5 h / 25 km

Ich war wirklich der einzige Gast gestern Abend. Und ich bin es auch noch beim Frühstück. Der Tisch ist ordentlich gedeckt, ich drehe wieder die Stereoanlage leiser (übrigens mit derselben CD wie gestern Abend) und während ich zufrieden eingelegte Pilze, schicke Spiegeleier und ähnliches mehr in mich hinein mampfe, bewegt sich plötzlich der Stuhl schräg gegenüber von mir wie von Geisterhand ein Stück nach rechts. Einfach so. Äääh --- wie bitte? Erst nach kurzem Innehalten und Wundern kriege ich mit, daß mir offensichtlich die gelbe Hotelkatze beim Frühstück Gesellschaft leistet und unter den Stühlen herumscharwenzelt. Wahrscheinlich hätte sie auch gerne was vom Frühstücksfleisch, dem Geräucherten oder vom Zwiebelfisch (den ich ganz bestimmt nicht essen werde). Aber kommt nicht in die Tüte!

Auf dem Weg zurück ins Zimmer hole ich mir meinen dritten Herzinfarkt, seit ich in diesem Hotel angekommen bin. Der Architekt des Hauses kam auf die glorreiche Idee, den Boden vor den Aufzügen mit Glaselementen zu gestalten, und zwar durchgehend in allen Stockwerken. Du trittst also gedankenverloren im 3. Stock aus dem Fahrstuhl und guckst plötzlich in einen Abgrund, irgendwo tief unter dir die Hotelhalle. So geht also offensichtlich Wellness: Die Belebung der Sinne. Der Typ sollte öffentlich ausgepeitscht werden!

Wieder auf der Landstraße schalte ich in den Sklep-Suchmodus, weil ich befürchte, daß mir die zwei Liter Leitungswasser in meinem Rucksack nicht die nötige Motivation für den heutigen Tag verleihen werden. Nachdem der erste Laden etwas länger geschlossen ist, gebe ich die Hoffnung auf, heute noch was zu finden. Den Rest des Tages bin ich eigentlich nur noch im Wald unterwegs. Aber wie immer hat Polen noch ein Ass im Ärmel, nur 200 m weiter gibt es einen gut versteckten Kellersklep, den ich eigentlich nur gefunden habe, weil davor mal wieder ein schnell und schräg geparktes Auto stand. Im Laden eine junge Dame mit Modelmaßen und entsprechenden Hotpants, die zackig schon die Preise meiner Getränke in die Kasse hackt, als ich sie gerade aus dem Regal nehme.

Wieder vorbei am klassischen Bild der letzten Tage: Einzelne Kühe, auf der Weide angepflockt, daneben der antike Audi 80 des Bauern, der die Tiere entweder gerade melken oder ein Stück weiterrücken will. Der Himmel läßt mich im Unklaren über seine Absichten, vielleicht regnet es heute noch ein bißchen. Immerhin ist es nicht ganz so ekelig warm wie gestern.

Die ersten zwei Stunden fädele ich mich wieder links und rechts der DK 8 durch die Landschaft. Wenn ich die Landstraße überquere, erkenne ich sogar einige Stellen wieder: Hier biste schonmal durchgefahren. Ein sehr seltsames, aber auch sehr anrührendes Gefühl. Selbst wenn ich mit dem Auto nach Litauen gebrettert bin, begann hinter Augustów für mich immer die Ferne, die Sehnsucht, das Abenteuer. Und jetzt bin ich zu Fuß hier.

Von der in der Wanderkarte versprochenen Schmalspurbahn durch den Wald (die ich gerne als Weg-Ersatz genutzt hätte) ist in der Realität nichts zu sehen. Nur ein Brückengerippe über den Fluß ist noch übrig, daneben ein Haus mit gleich drei kläffenden Hunden. Aus einem erschreckend schmalen Waldweg kommen mir zwei Kleinbusse der Straż Graniczna entgegen gedonnert und ich denke mir schon: "DAS ist der Moment, in dem ich endlich kontrolliert werde!" Aber die Jungs haben offenbar Besseres zu tun, als mich zwielichtigen Wanderer in Grenznähe zu filzen.

Aus Trotz suche ich mir sofort ein paar kleine Schmugglerwege durch das Waldstück vor mir, die ich mir nur mit ein paar einheimischen Mücken teile. Im nächsten Dorf wird's leicht spannend. Die Wanderkarte deutet ein Brückerl übers Bacherl zwischen den beiden Seen an. Die Satellitenkarten von Google Maps sahen das gestern Abend im Internet ähnlich, aber der Wanderer bleibt bis zur letzten Sekunde skeptisch. Mindestens eine Stunde Umweg wäre die Alternative, falls das nicht klappt. Also gebe ich mir größte Mühe, den richtigen Weg zu finden und hoffe inständig, daß die Brücke überhaupt existiert. Ich schlängele mich an einem Wochenendgrundstück mit einer skeptisch dreinblickenden Familie vorbei, folge einem Trampelpfad, der an einem Zaun endet und finde schließlich statt einer Brücke ein paar ordentliche Holzbretter über dem sumpfigen Fluß. Geht auch.

In meinem Zieldorf Giby steht direkt neben der DK 8 immer noch der riesige Kasten von Gebäude, der schon seit 5 Jahren so aussieht, als würde hier bald ein Hotel oder Restaurant eröffnen. Inzwischen ist er gelb, aber immer noch eine Baustelle. Gegenüber ein Sklep, den ich mir sofort für meine Abendversorgung merke. Weiter hinten die Kirche, auf deren Parkplatz sonst gerne die Straż Graniczna oder Policja stehen und Autofahrer rausziehen. Aber heute ist nix Grünes oder Silbernes zu sehen. Ich biege also leider unkontrolliert auf den Schotterweg zu meiner Agroturystyka ein. Dabei hätte ich so gerne auch aus Polen ein Bild geliefert wie damals, als ich Frankreich von der Gendarmerie gefilzt wurde.

Statt dessen wird's unerwartet heimatlich. Ich wackele mit "Dzień dobry!" auf den Hof und das Gespräch wechselt sofort ins Deutsche. Mein Gastgeber Marian hat in den 70ern einige Jahre im VEB Reifenkombinat Fürstenwalde (Stichwort: "Pneumant") gearbeitet und spricht ein erschreckend gutes Deutsch, garniert mit dem polnischen Singsang, den ich so liebe. Es gibt ein schönes Zimmer mit göttlich kühlem Raumklima und Picknickbank auf der Terrasse. Auch ein Abendessen geht überraschenderweise klar, obwohl ich mich schon auf ein Schokoriegel-Dinner aus dem Sklep eingestellt hatte. Statt dessen hausgemachte Buletten, Bigos, Kartoffelbrei mit Dill.

Duschen, dösen, die junge Hofkatze streicheln, dem entspannten Hofhund Egon dabei zugucken, wie er sich für ebenjene Katze verantwortlich fühlt und immer genau wissen muß, wo sie gerade ist.

Auf dem Weg zum Sklep (zwecks Getränkeversorgung) komme ich an der Kirche nebenan vorbei, ich habe offensichtlich gerade die  Zeit der Abendmesse erwischt. Die getragene und leicht leiernde Gesang des Priesters wird per Lautsprecher nach draußen getragen und gibt der Abendstimmung im leeren Dorf links und rechts der leeren Landstraße einen weltfremden Anstrich. Vor dem Sklep läuft der alte Ursus-Traktor im Leerlauf, der Bauer holt sich noch schnell zwei Feierabendbier. Ich tue es ihm gleich, erwische zwar aus Versehen zwei Warka-Apfel-Birne-Radler, aber was soll ich mich ärgern.

Es ist mein letzter Abend in Polen und ich sitze zufrieden auf meiner Terrasse, schaue mir einen abendlichen Regenschauer an, wühle in meinen Wanderkarten herum und freue mich auf morgen.

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