Montag, 18. April 2016

Tag 7: Mit dem Gestern im Gepäck

Tag 7/8: 13.04.2016
8,5 h / 30 km
Gorzów Wielkopolski nach Strzelce Krajeńskie

Schon beim Weg runter in den Keller zum Frühstück merke ich, daß gestern einfach zu doll war. Meine Füße sind wieder im Eimer und ich fühle mich einige Tage zurück versetzt und taste mich wieder langsam - Stufe für Stufe - die Treppen hinab. Verflogen ist die Leichtigkeit, mit der ich gestern früh nach meinem Pausentag zum Frühstück hüpfte. Selber Schuld, alter Mann. Ich habe mir gestern die Heilung, die langsam einsetzte, einfach wieder kaputtgelaufen.

Der Tag beginnt noch dazu mit der bitteren Gewissheit, daß ich immer noch nicht weit genug von Berlin bin. Am Straßenschild vor der Hoteltür ist Berlin immer noch als Ziel ausgeschrieben. Und das, obwohl ich schon seit einer Woche unterwegs bin. Ohne der Innenstadt noch einen Blick zu schenken, drehe ich mich nach links und und verlasse über die nächstgelegene Schnellstraßenbrücke die Stadt. Schnell nochmal über die Warthe, wird wohl das letzte Mal auf dieser Reise sein, wenn mich nicht alles täuscht.

Dorfpanorama / Finde den Fehler...
Gorzów dünnt schnell aus, schon nach 1x Abbiegen kommt das Villenviertel, dann die Vorstadt, dann das Dorf. Das morgendliche Grau in Grau macht schnell Platz für die Sonne und es wird ein überraschend schöner Tag. Durch Straßendörfer wie Czechów, in denen so viele neue Häuser gebaut wurden, daß die Hausnummern 41a-41m aufgemacht werden mussten. Durch Janczewo, wo ich gleich drei Skleps und die angebotenen Getränke links liegen lasse, was ich schon eine halbe Stunde später auf dem Feld wieder bereue.

In den Dörfern mache ich meine ersten Bekanntschaften mit Dorfhunden: Die großen Exemplare eigentlich immer im Zwinger, wachsam, aber auch nach einigen Bellern zufrieden. Die kleinen Kläffer allerdings laufen zur besonderen Belustigung des Wanderers meist frei herum. Und es bewahrheitet sich die alte Regel: Je kleiner, desto lauter, desto nerviger. Eigentlich kein Problem, aber bei dieser einen Dackelmischung hätte ich mir wirklich so sehr gewünscht, daß er nahe genug für einen Fußtritt rangekommen wäre...

Im Wald ist wieder Ruhe im Karton. An einem trotz Frühlingslicht eher herbstlichen See mache ich mir eine schöne Mittagspause in der Sonne zurecht, lese ein paar Seiten und schnipse Ameisen von meinem Rucksack. Als ich nach einer Stunde wieder loslaufen will, bin ich plötzlich 30 Jahre älter: Alles brennt/sticht/reißt. Die altbekannten Stellen an meinen Füßen melden sich nach der Pause überdeutlich zurück und zwingen mich zu mehr Humpeln als Gehen, was erst nach einer guten Viertelstunde langsam wieder wie eine flüssige Fortbewegungsart aussieht. Die 33km gestern waren einfach noch zu viel. Heute droht mir ungefähr dasselbe Pensum: Die ehemals locker geschätzten 25km für heute (lässig bei GoogleMaps er-fragt und nicht hinter-fragt) hatten sich bei genauerem Hinsehen und der Weigerung, für 25km auf der Landesstraße 22 zu gehen, für heute eher schon wieder in Richtung 31km verschoben. Also verfluche ich meinen jugendlichen Leichtsinn und versuche, Strecke zu machen.

Der bisher breite Forstweg führt runter eine Art Feuchtwiesental und macht sich schlank: Hier fährt nix mehr mit Rädern, viel zu verwuchert, viel zu nasser Boden. Aus dem Weg wird ein Pfad, auch der verschwindet kurz darauf endgültig und der Mensch, der hier einen Wanderweg hinmarkiert hat, wird gewußt haben, wieso er untypischerweise an jeden fünften Baum eine Markierung gepinselt hat. Auftritt Unterholz, Auftritt Bach (so schätzungsweise bis zur Hüfte an der tiefsten Stelle). Über jedes Bacherl geht a Brückerl ist Fehlanzeige, aber auf der anderen Uferseite ist unübersehbar eine Markierung an den Baum gemalt und praktischerweise liegt genau davor eine umgestürzte Buche im Wasser. Gibt es denn hier auch...? Aber ja, irgendein guter Mensch hat am Baum neben mir einen schönen dicken Ast deponiert, perfekt als Stütze zum drüberbalancieren. Ich begrüße diese Abenteueretappe außerordentlich, eiere trockenen Fußes über den Bach, lehne den Knüppel an einen passenden Baum und freue mich.

Auf dem Waldparkplatz neben dem See ein paar hundert Meter weiter treffe ich auf ein Rentnerpaar, die nach guter französischer Sitte die Campingstühle neben ihrem Auto aufgebaut haben und nicht schlecht staunen, als ich durchs Unterholz gebrochen komme. Die Dame begrüßt mich mit jovialen Worten und wird von meinem mangelnden polnischen Wortschatz sofort ausgebremst, da der so ungefähr nach "Przepraszam..." endet. Mit den nachfolgenden englischen Vokabeln kann sie wiederum nix anfangen und so stehen wir irgendwie peinlich berührt im Wald herum und das Gespräch verebbt so schnell, wie es auch angefangen hat. Schnell gelächelt, schnell weitergezogen.

Nochmal zwei Stunden durch den Wald, das Brennen in den Stiefeln ignorierend. Spätestens ab Sławno, dem letzten Dorf vor meinem heutigen Ziel, ist sowieso der Spaß vorbei und ich spule nur noch meine Kilometer auf der Straße ab, um ja nicht stehen zu bleiben. Damit ich danach nicht wieder loslaufen muß, was viel schmerzhafter ist, als einfach weiter zu laufen.

Das Hotel Staropolski liegt gnädig auf der nächstgelegenen Seite der Stadt, ich entdecke mit einem Laut der Entzückung den Getränkekühlschrank neben der Rezeption und begutachte auf dem Zimmer erstmal die Schadenslage an meinen Fersen und der mir wohlbekannten Schwachstelle "kleiner Zeh rechts". Nach der Dusche habe ich zunächst keine Kraft, was Essen zu gehen und sinke erstmal in einen zweistündigen Schlaf, bevor mich der Hunger am Abend dann doch noch runter treibt. Der Laden ist günstig, billig fast, was sich auch im Restaurant niederschlägt, aber das ist heute total egal. Es gibt Żurek und Kohlrouladen und dank Mikrowellenballett geht das alles ganz schnell, was mir gerade nur recht sein kann. Umso schneller kann ich wieder ins Bett. Ich nehme mir noch ein eiskaltes Bier mit aufs Zimmer und beende den Tag mit einer gehörigen Portion Respekt vor morgen.


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